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Lars-Hendrik Röller: „Ökonomen-Einfluss auf Politik nimmt zu“

2009 war Lars-Hendrik Röller Vorsitzender des Vereins für Socialpolitik. Im Handelsblatt-Interview erklärt er Chancen und Risiken des Streits der Volkswirte.

von Hans Christian Müller
Lars-Hendrik Röller will den Streit der Ökonomen auf Fachebene diskutieren. Quelle: dpa
Lars-Hendrik Röller will den Streit der Ökonomen auf Fachebene diskutieren. Quelle: dpa

Handelsblatt: Herr Professor Röller, auch Sie forschen mit modernen Methoden – haben aber bisher keinen öffentlichen Aufruf unterzeichnet. Warum?

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Röller: Ich bin natürlich auch gebeten worden, zu unterschreiben. Aber ich habe es bewusst nicht getan. Ich glaube nicht, dass diese Aufrufe, die in den Zeitungen veröffentlicht wurden, sehr zielführend sind.

Was stört Sie daran?

Wir sollten die Frage weniger grundsätzlich und eher konkret auf Fachebene diskutieren – beispielsweise in den Ausschüssen des Vereins für Socialpolitik. Denn sie stellt sich doch in jeder VWL-Disziplin anders: In meinem Bereich zum Beispiel, der Wettbewerbstheorie, findet aktuelle Forschung schon sehr viel Anwendung in der Praxis. Wir Forscher greifen aktuelle Problemfälle aus dem Alltag der Kartellbehörden auf, während die Beamten unsere Erkenntnisse in ihre Entscheidungen einfließen lassen. Das Zusammenspiel funktioniert also sehr gut. Das ist ein Beispiel, wo moderne Forschungsmethoden und wirtschaftspolitische Entscheidungen zusammenkommen.

Überrascht Sie die Härte der Debatte?

Offensichtlich gibt es da einen Diskussionsbedarf, der jetzt über die Medien ausgetragen wird. Das habe ich zum Beispiel in den USA, wo ich lange geforscht habe, in dieser Form noch nicht erlebt. Da wird eher anhand von konkreten Fragestellungen diskutiert – und längst nicht so grundsätzlich.

An US-Fakultäten lehren meist Anhänger verschiedener Denkschulen, deutsche Fakultäten scheinen dagegen viel homogener zu sein. Ist die Debatte hierzulande vielleicht so kontrovers, weil sie bisher nicht geführt wurde?

Ich empfinde das gar nicht so. Die wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten in Deutschland sind in der Regel nicht homogener als andere. Die Frage, wie realistisch unsere Modelle sind, ist ja auch nicht neu – sie gehört zum täglichen Brot eines Forschers. Wenn Sie zum Beispiel einen Vortrag halten und ein neues Modell vorstellen, dann kommen immer die gleichen Fragen: Sind die Annahmen gut? Sind die Aussagen brauchbar? Trifft das Modell die Realität, oder ist es belanglos?

Schadet der Methodenstreit dem Forschungsstandort Deutschland im Wettbewerb um junge Forscher aus dem Ausland?

Nein, ich denke nicht. Die Debatte zeigt, dass es bei uns einen regen Austausch gibt hinsichtlich wirtschaftspolitischer Relevanz.

Also können Sie der Debatte auch etwas Positives abgewinnen?

Sie ist sicher ein Anstoß zu fragen, ob die Aussagen, die wir treffen, wirklich präzise und brauchbar genug sind.

An vielen deutschen Fakultäten sind die Lehrstühle noch streng zwischen Wirtschaftspolitik und –theorie getrennt. Ist das sinnvoll?

Wie man die Lehrstühle nennt, ist eher nebensächlich. Am Ende zählt, ob Theorie und Praxis gut miteinander verzahnt sind. Es gibt eine Vielzahl von Kollegen auf den Lehrstühlen für Wirtschaftspolitik, die auch theoretisch sehr versiert sind und diese Kenntnisse anwenden, wenn es um die Fragen geht, die die Wirtschaftspolitik in Deutschland oder anderswo tagtäglich aufwirft.

Nutzen die Regierungen die Erkenntnisse der modernen VWL zu wenig?

Es fällt schon auf, dass viele exzellente Forscher in den USA herausragende Positionen in der Politik einnehmen. Ben Bernanke etwa, der Präsident der Zentralbank, oder Larry Summers, der Wirtschaftsberater von Präsident Obama, waren große Forscher, bevor sie in die Politik gingen. Das hat aber auch viel mit dem politischen System zu tun – in Deutschland gibt es weniger Durchlässigkeit zwischen Wissenschaft und Politik.

Bedauern Sie das?

Ja, das ist schade. Denn beide Seiten könnten davon noch mehr profitieren. Aber es hat sich ja auch schon viel getan: An den Forschungsinstituten, die auch Politikberatung machen, arbeiten mehr und mehr gute Wissenschaftler. Und an den Universitäten gibt es hervorragende Professoren, die sehr angewandte Forschung betreiben und in der Politik mitentscheiden. Das Argument, mit den modernen Methoden könnte man in der Wirtschaftspolitik nicht stechen, halte ich für zu einseitig. Ich denke, in 10 bis 20 Jahren werden viele der jüngeren Forscher, die auf die neuen Methoden setzen, großen Einfluss haben – auch auf die Politik.

Aber die Finanzkrise hat der modelltheoretischen Forschung auch Grenzen aufgezeigt. Warum hat sie kaum jemand aus Ihrer Zunft vorhersagen können?

Solche Ereignisse in diesem Ausmaß und dieser Geschwindigkeit können bisher nicht sauber vorhergesagt werden. Es lag also nicht an den Methoden. Wir müssen analysieren, was passiert ist, um beim nächsten Mal besser vorbereitet zu sein. Aber die Wissenschaft sollte nicht verantwortlich gemacht werden für die unerwartete Krise. Die VWL ist keine exakte Wissenschaft wie die Physik – es hängt ja vieles von menschlichen Erwartungen und Entscheidungen ab, von Psychologie also. Die Verhaltensökonomie ist auch deshalb eine wichtige Entwicklung. Es gibt da allerdings noch viel zu tun.

Gespaltene Ökonomen

Die Diskutanten: Die Anhänger der einen Seite kritisieren die modernen mathematischen Analyse-Modelle als oft zu wirklichkeitsfremd und fordern, dass die Wirtschaftspolitik und -theorie an den Universitäten weiterhin getrennt wirken. Die Gegenseite möchte die Fakultäten nach internationalem Vorbild umbauen und verweist darauf, dass Modell-Ergebnisse immer mit statistischen Auswertungen überprüft würden.

Der Moderator: Als Vorsitzender des Vereins für Socialpolitik ist Röller sozusagen das Oberhaupt der deutschen Ökonomen. Zwischen 2003 und 2006 war er Chefökonom der EU-Wettbewerbskommission. Seit 2006 ist Röller Präsident der European School of Management and Technology (ESMT) in Berlin.

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