
LONDON. Provokanter als Paul Krugman kann man es nicht auf den Punkt bringen: Forscher, die sich in den vergangenen Jahrzehnten auf die Mainstream-Makroökonomie spezialisierten, würden jetzt "entdecken, dass sie ihr intellektuelles Kapital bei Bernie Madoff angelegt haben", ätzt der Nobelspreisträger.
Tatsächlich ist die Finanz- und Wirtschaftskrise auch eine Krise der modernen Makroökonomie. Theorien und Modelle, die drei Jahrzehnte lang das Fach dominiert haben und die mit mehreren Nobelpreisen geadelt wurden, sind in Verruf geraten. Dazu gehört die These, dass Menschen stets rational agieren genauso wie die Idee, dass freie Märkte stets effizient funktionieren und Preise daher alle verfügbaren Informationen richtig widerspiegeln. Auch die Überzeugung, dass staatliche Interventionen dem Spiel von Angebot und Nachfrage meist mehr schaden als nutzen, stammt aus dieser Schule.
Auf den Jahrestagungen von American Economic Association und Royal Economic Society waren die Probleme des Fachs jeweils ein zentrales Thema. Und die Investoren-Legende George Soros hat 50 Millionen Dollar in ein Institut für neues ökonomisches Denken gesteckt.
Versinken in Bedeutungslosigkeit
Auffällig ist allerdings eines: Auch drei Jahre nach Ausbruch der Krise ducken die Kritisierten sich weg. Hinter vorgehaltener Hand mokieren sie sich darüber, dass die Kritiker doch gar nicht vom Fach seien, keine Ahnung von den Theorien hätten und kein Recht zur Kritik besäßen. Bei den Mainstream-Makroökonomen scheint noch nicht angekommen zu sein, dass ihnen das gleiche Schicksal droht wie den Alt-Keynesianern in den 70er-Jahren. Nach jahrzehntelanger Dominanz versanken sie innerhalb weniger Jahre in der wissenschaftlichen Bedeutungslosigkeit.
All die erst gefeierten und jetzt gescholtenen Nobelpreisträger und Makro-Koryphäen, sie halten sich weitgehend aus der Debatte um die Versäumnisse ihres Fachs heraus. Eine der wenigen Ausnahmen ist der streitbare britische Makroökonom Patrick Minford. Der Professor der Cardiff Business School verteidigt die gängigen Methoden und Modelle offensiv: "Die Theorie der rationalen Erwartungen ist alles andere als gescheitert", beteuerte Minford jüngst auf einer Konferenz in London.
Minfords Interpretation der Finanzkrise kommt allerdings höchst eigenwillig daher: Die Entwicklung der amerikanischen Immobilienpreise sei keine irrationale Spekulationsblase gewesen. Tatsächlich hätte sie die optimistischen Erwartungen des Marktes an künftiges Produktivitätswachstum in der US-Wirtschaft widergespiegelt. Diese seien ab 2006 abrupt ins Wanken geraten, weil die Öl- und Rohstoffpreise stark gestiegen seien. "Dieser große zufällige Schock war die eigentliche Ursache von außen", ist Minford überzeugt. Solche Entwicklungen seien kaum zu prognostizieren.
Viel zu viele Leute, die sich zu diesem Thema äußern, Handelsblatt-Journalisten inklusive, haben viel zu wenig Ahnung von der Materie, scheuen sich jedoch nicht, ständig und überall ihre (Mainstream-)Meinung abzugeben.
Es tut mir leid, aber in diesem Fall hilft es wirklich, "praktizierender" Makroökonom zu sein, um sich seine Meinung zu bilden.
Eine vernünftigere makroökonomische Theorie ist weniger eine Frage besserer Einsicht als eine Generationenfrage. Leute, die ihr ganzes berufsleben hindurch Unsinn erzählt haben, werden auch weiter daran festhalten.
@Lusitano:
Herrliches Zitat!
Es ist schwierig jemand dazu zu bringen, etwas zu verstehen wenn sein Gehalt davon abhängig ist, es eben nicht zu verstehen.“ – Sinclair Lewis 1935
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