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Markt braucht Staat: Den Kapitalismus neu definieren

Die Wirtschaftskrise zeigt, wie eng Markt und Staat zusammengehören: Beide sind Teile eines Gesamtsystems, die untereinander in vielfältigen Wechselwirkungen stehen. Beide Seiten müssen ihre Beiträge leisten, haben aber auch Schwächen. Daraus müssen wir politische Konsequenzen ziehen.

Die Verantwortung des Staates wächst. Sonst folgt der Blase an den Märkten nur eine regulatorische und moralische Blase, die sich wieder verflüchtigt. Und dann geht alles von vorne los. Quelle: dpa
Die Verantwortung des Staates wächst. Sonst folgt der Blase an den Märkten nur eine regulatorische und moralische Blase, die sich wieder verflüchtigt. Und dann geht alles von vorne los. Quelle: dpa

Zwei weit verbreitete Grundirrtümer hat die Wirtschaftskrise erbarmungslos entlarvt. Der erste Irrtum war zu glauben, Sozialstaat und Kapitalismus seien Gegensätze. In Wahrheit sind sie aufeinander angewiesen. Der zweite Irrtum war zu glauben, Staat und Markt seien Gegensätze. In Wahrheit sind auch sie aufeinander angewiesen.

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Wenn wir den Kapitalismus neu definieren wollen, müssen wir vor allem diese beiden Irrtümer über Bord werfen. Markt und Staat sind dann zwei Teile eines Gesamtsystems, die untereinander in vielfältigen Wechselwirkungen stehen. Beide Seiten müssen ihre Beiträge leisten, haben aber auch ihre Schwächen. Märkte sind kreativ und dynamisch, aber auch instabil - und das liegt an ihren eigenen Mechanismen und nicht nur an "Entgleisungen" allzu "gieriger" Manager. Staaten sind eher statisch, aber sie liefern für das Gesamtsystem die entscheidende Ressource "Stabilität". In Boomzeiten wird die so selbstverständlich in Anspruch genommen, dass sie nicht mehr richtig ins Auge fällt.

Der Kapitalismus angelsächsischer Prägung basierte in den Boomjahren auf der Fehleinschätzung, dass die Wirtschaft auf Dauer stärker wachsen könne als die Kaufkraft der Konsumenten. So entstand ein scheinbares Paradies aus hohem Wachstum, hohen Gewinnen und moderater Inflation. Die sich öffnende Schere zwischen den Einkommen der Vermögensbesitzer und denen der Arbeitnehmer galt als sozial bedauerlich, aber ökonomisch unvermeidlich.

Was wirtschaftliche Ungleichgewichte und Ehen gemeinsam haben

In Wahrheit ist aber die fehlende Kaufkraft einfach durch steigende Verschuldung der Konsumenten ersetzt worden. Darauf weist zum Beispiel die Linken-Politikerin Sarah Wagenknecht hin. Ermöglicht wurde dieses System durch unregulierte Immobilienfinanzierungen und lockere Geldpolitik. Die Folge waren die Blase an den Kreditmärkten und die negative Leistungsbilanz vieler angelsächsisch geprägter Länder.

Die "Fehler" amerikanischer Banker und Aufseher waren also keine Auswüchse oder Ausrutscher, die in die Krise geführt haben, sondern Vorbedingungen für den vorausgehenden Boom. Sie gehörten definitionsgemäß zu der Form des Kapitalismus, die, wie der Ex-US-Notenbankchef Paul Volcker sagt, "den Markttest nicht bestanden hat".

Allen voran lieferten die USA das schlechte Beispiel, aber in Großbritannien lief es ähnlich. Einige Länder zeigten nur einzelne Merkmale dieses Systems. In Spanien etwa gab es den Immobilienboom, aber weniger exzessive private Verschuldung. In Südafrika gab es das Leistungsbilanzdefizit, aber dafür eine weitaus bessere Finanzaufsicht als in den USA. Für wirtschaftliche Ungleichgewichte gilt jedoch dasselbe wie für jede kriselnde Ehe: Es gibt in der Regel nicht nur zwei Leidtragende, sondern auch zwei Schuldige.

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