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„Ökonomie neu denken“: Aus der Finanzkrise lernen

Was muss die Volkswirtschaftslehre aus der Finanzkrise lernen? Dieser Frage widmet sich die Konferenz „Ökonomie neu denken“. Unter den Gästen: die Bestseller-Autorin und Beraterin der britischen Regierung, Diane Coyle.

In Frankfurt diskutieren mehr als 250 Volkswirte, Politiker und Unternehmer über die Konsequenzen der Finanzkrise. Quelle: dapd
In Frankfurt diskutieren mehr als 250 Volkswirte, Politiker und Unternehmer über die Konsequenzen der Finanzkrise. Quelle: dapd

FrankfurtIhre Botschaft rüttelt am Selbstverständnis einer ganzen Disziplin: „Die Wirtschaftswissenschaften müssen sich in größerer Demut üben“, sagte die britische Top-Ökonomin Diane Coyle am Vormittag bei der hochrangig besetzten Konferenz „Ökonomie neu denken“ in Frankfurt. Coyle, Betreiberin der Beratungsagentur Enlightenment Economics Bestseller-Autorin und Beraterin der britischen Regierung, hält die gängigen makroökonomischen Modelle für gescheitert. Sie plädierte für eine größere Vielfalt und einen stärkeren Realitätsbezug in den Wirtschaftswissenschaften. „Wir müssen neu darüber nachdenken, wie die Gesamtwirtschaft funktioniert.“

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Auf der noch bis zum morgigen Dienstag in Frankfurt stattfindenden Konferenz, die der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und das Handelsblatt gemeinsam veranstalten, diskutieren mehr als 250 Volkswirte, Politiker und Unternehmer, was die Volkswirtschaftslehre aus der Finanzkrise lernen muss.

In ihrer Keynote-Rede brauchte Coyle auf den Punkt, was Kritiker der Disziplin sei langem umtreibt: „Die Makroökonomie in ihrer jetziger Form kann nicht überleben.“ Die Ereignisse auf den Finanzmärkten, die mit den traditionellen Makro-Modellen nicht erklärbar sind, hätten etablierte Glaubenssätze zerstört. Jahrzehntelang dominierende ökonomische Modelle, die auf der Annahme beruhen, dass Menschen stets rational und eigennützig handeln, seien keine adäquate Beschreibung der wirtschaftlichen Realitäten.

Livestream Ökonomie neu denken

Mehr als 250 Volkswirte, Politiker und Unternehmer diskutieren in Frankfurt, was die Wirtschaftswissenschaft auf der Finanzkrise lernen muss. Der Stifterverband und Handelsblatt Online übertragen die Debatte direkt.

Die Ökonomin warnte jedoch davor, die Disziplin als Ganzes zu verteufeln. Die etablierte Makro-Ökonomie stehe zu Recht in der Kritik. „Aber es gibt viele andere Teilgebiete, die in blendender Verfassung sind“, betonte Coyle. In den vergangenen beiden Jahrzehnten habe die empirische, angewandte Wirtschaftsforschung deutliche Fortschritte gemacht – dank der besseren Verfügbarkeit von Daten, besseren Computern und neuen empirischen Methoden. „Es wäre absurd, wenn man jetzt, da die Ökonomie mehr Möglichkeiten hat als jemals zuvor, das generelle Vertrauen in das ökonomische Denken verlieren würde.“

Die Verhaltensökonomie, die psychologischen Faktoren größeres Gewicht bemisst und versucht menschliches Verhalten realistischer zu beschreiben und weitere interdisziplinäre Ansätze, gingen in die richtige Richtung. Generell plädierte Coyle für mehr angewandte Forschung: „Theorien müssen empirisch getestet werden.“ Wenn das passiere, dann werde die Wirtschaftswissenschaft gestärkt aus der Krise hervorgehe. „Das öffentliche Interesse an unserem Fach ist so groß wie lange nicht mehr, und die Studentenzahlen steigen.“ Ob es aber jemals wieder ein neues, geschlossenes wissenschaftliches Paradigma gehen werde, sei offen. „Wenn es überhaupt kommt, ist es noch sehr weit weg.“

  • 01.02.2012, 18:26 UhrAnonymer Benutzer: Blickensdoerfer

    "Die Verhaltensökonomie, die psychologischen Faktoren größeres Gewicht bemisst und versucht menschliches Verhalten realistischer zu beschreiben."
    Die "Verhaltensökonomen" braúchen menschliches Verhalten nicht beschreiben, gar nicht erst das Beschreiben versuchen. Mannigfach wurde und wird es realistisch beschrieben - aber nicht von Ökonomen.
    Wenn Wirtschaftswissenschaft als "Verhaltensökonomie" erklärt wird und das empirische Testen von Erkenntnissen aus "realistischer Beschreibung menschlichen Verhaltens" als "angewandete Forschung", dann muss "Politik" dafür Geld geben, denn mit dieser "Verhaltensökonomie" wird die "Krise" weiterhin als durch Böse, durch Gierige verursacht "wissenschaftlich" begründet.

  • 28.01.2012, 20:34 UhrAnonymer Benutzer: JFHF

    Wie kann man "Ökonomie" neu denken, wenn man am kaputten "System" nach Kondratieff-Harvard immer noch festhalten möchte?

  • 25.01.2012, 14:07 UhrAnonymer Benutzer: Humanist

    „Jahrzehntelang dominierende ökonomische Modelle, die auf der Annahme beruhen, dass Menschen stets rational und eigennützig handeln, seien keine adäquate Beschreibung der wirtschaftlichen Realitäten", wie wahr, aber keine ganz neue Erkenntnis. Die hatten nämlich die im "Pariser Club" versammelten Ökonomen, unter Ihnen Wilhelm Röpke und Walter Eucken, bereits 1938 zu einem zentralen Punkt der Theorie des Ordoliberalismus gemacht: Der homo oeconomicus ist schon lange tot, "ein charakterloser Reflexions- und Distanzierungsvirtuose", sagt der Kieler Philosoph Wolfgang Kersting. Und Walter Eucken hat deshalb in sein Merkbuch geschrieben: "„Wir müssen nicht die Auswüchse der wirtschaftlichen Macht kontrollieren, sondern wirtschaftliche Macht selbst"; das genau aus der Erkenntnis, daß Marktteilnehmer nicht von mittelbaren ökonomischen Interessen, sondern stets von unmittelbaren persönlichen Interessen, insbesondere Vorteile auf Kosten anderer Marktteilnehmer zu erlangen, auch, wenn´s sein muß, außerhalb einer allgemein anerkannten Sittenordnung, befeuert werden. Lars Feld und sein Lehrer Gebhard Kirchgässner meinen zwar, der Ordoliberalismus wäre in unserer Nachkriegszeit außer über die kurze Zeitspanne,in der man von der Geltung des Systems der „Sozialen Marktwirtschaft“ hier zu Lande reden kann (etwa 1948-1957) nicht zum Einsatz gekommen, weil er von den Schülern Walter Euckens nicht weiterentwickelt worden ist, dann bin ich trotzdem der Auffassung, daß diese Theorie immer noch das Beste ist, was je an lebensnahen volkswirtschaftlichen Theorien hervorgebracht worden ist. Und man sollte sich so schnell wie möglich wieder darauf besinnen, das erfordert aber hier und anderswo meines Erachtens eine Änderung des politischen Systems, eventuell Umwandlung in eine „Bürgergenossenschaft“ (John Rawls) oder den Aufbau einer Verfassungsökonomie (James MacGil Buchanan).

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