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Ökonomie: Nobelpreisträger Krugman will alte VWL-Weisheiten „beerdigen“

exklusivDer Nobelpreisträger Paul Krugman ist ein scharfer Kritiker der Mainstream-Ökonomie. Moderne Wirtschaftswissenschaft müsse auf einer realistischen Beschreibung menschlichen Verhaltens basieren, forderte Krugman im Handelsblatt-Interview.

Scharfer Kritiker der Mainstream-Ökonomie: Paul Krugman. Quelle: dpa
Scharfer Kritiker der Mainstream-Ökonomie: Paul Krugman. Quelle: dpa

Handelsblatt: Wie sollte die VWL der Zukunft aussehen?

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Paul Krugman: Moderne Wirtschaftswissenschaft muss auf einer realistischen Beschreibung menschlichen Verhaltens basieren – nicht wie bislang auf der Annahme, dass wir alle rational agieren.

HB: Wie schnell wird sich das Fach modernisieren?

Krugman: Das wird dauern. Wer 30 Jahre eine bestimmte Art von Forschung gemacht hat, der wird sich nicht mehr ändern. Es gibt das Sprichwort, dass sich wissenschaftlicher Fortschritt vor allem durch Beerdigungen vollzieht – also erst wenn die alte Generation abtritt, ist der Weg für neue Erkenntnisse frei. Das gilt auch in unserem Fach. Ich setze vor allem auf junge Volkswirte. Die werden sich hoffentlich fragen, ob es wirklich sinnvoll ist, so vorzugehen, wie es bislang üblich war – nämlich einfach nachzumachen, was die vorherige Generation gemacht hat, und dies mit mehr Mathematik zu versehen. Das ist nicht der richtige Weg.

HB: Sie selbst haben Ihren Nobelpreis einem Modell zu verdanken.

Krugman: Stimmt. Die generelle Idee, um die es in meiner Arbeit ging, war damals alles andere als neu. Alles, was ich getan habe, war ein formales Modell um diesen Gedanken zu bauen. So etwas passiert ständig in der VWL – und es ist auch nicht per se schlecht. Ein Modell hilft dabei, die Gedanken zu fokussieren. Nur muss man aufpassen, dass die formalen Methoden kein Selbstzweck werden.

HB: Sie kritisieren besonders die Makroökonomie. Warum?

Krugman: In der 1948 erschienenen ersten Auflage des Lehrbuchs von Paul Samuelson finden Sie mehr Sinnvolles, das auf unsere Krise passt, als im Großteil der wissenschaftlichen Literatur der vergangenen zehn Jahre. Es ist kein gutes Zeichen, dass Texte, die vor 60 Jahren geschrieben wurden, besser sind als die moderne Forschung.

HB: Samuelson war einer der Ökonomen, die mathematische Methoden populär gemacht haben. Ist er für die Fehler der vergangenen Jahrzehnte mitverantwortlich?

Krugman: Fakt ist, dass Samuelsons Arbeiten bei ihrer Veröffentlichung extrem mathematisch erschienen und aus heutiger Sicht nicht besonders anspruchsvoll wirken. Das ist keine positive Entwicklung. Mit Samuelson begann ein Trend. Aber Mathematik und Modelle haben auch ihren Nutzen. Auch ich ordne damit meine Gedanken – zum Beispiel mit neukeynesianischen Modellen. Nur glaube ich nicht vollständig an sie.

HB: Warum nicht?

Krugman: Weil darin alle Akteure rational agieren und es keinen Raum für irrationalen Überschwang gibt. Aber diese Modelle sind trotzdem nützlich. Man darf ihnen nur nicht blind vertrauen, sondern muss sich ihrer Grenzen bewusst sein. Das ist ein schwieriger Spagat.

  • 11.01.2010, 19:00 UhrHans-Joerg Marby

    Die berücksichtigung nicht rationalen Verhaltens ist ein Denkanstoß, der von der Spieltheorie berücksichtigt wird. Der deutsche Witschaftswissenschaftler Reinhard Selten, mein Lehrer, hat für seine diesbezüglichen Arbeiten vor einigen Jahren den Nobelpreis erhalten. ist es nur eine Ergänzung herkömmlicher Denkweisen oder zeichnet sich ein bruch mit herkömmlichen Theorien der Makroökonomie ab?

  • 12.01.2010, 02:29 Uhrrainer repke

    Liebe Freunde,

    die VWLehre ist ein alter Hut. Und war es schon lange. ich rate Studenten, das Zeug zu lernen...fuer Examen und dann alles schnell zu vergesssen. Und dann im Leben zu lernen, wie es
    geht.

    Alle die letzten Krisen, die ja umfassender und damit gefaehrlicher werden, haben mich zu folgener Einschaetzung gebracht:

    Krisen sind systembedingt und nicht unbedingt negativ. Ohne das Platzen der d.com blase haetten wir heute keine freies internet. Z.b..

    Eine Krise wird durch Ueberziehungen basierend auf egoistischem und sich von der Realitat entfernenden
    Verhaltensmustern der Entscheidungstraeger und durch mangelnde Kontrollen durch den Staat aber auch die Mitarbeiter entwickelt. Hier sind auch transparente informationen wichtig. Ueber Unternehmen und die Gesamtlage durch zeitnahe Statistiken. Hier muessten zb alle off balance sheet items zu balance sheet items gemacht werden.
    Wir brauchen auch globale Regelungen und Kontrollen.

    Wichtiger aber scheint mir zu sein, dass wir die Verhaltensmuster aendern muessen. Wir haben gesehen, das zentral gefuehret Systeme nicht funtionieren, da sie sie "menschliche Natur" aussen vor lassen. Wir sehen jetzt aber auch immer klarer, dass die marktwirtschaftlichen Muster, die ja durch "Konkurrenz" und "besser" sein gepraegt werden, zwar besser sind, aber eben auch gefaehrlich. Wir muessen Verhaltensmuster entwickeln, die auf Kooperation basieren unter Einschluss der Konsequenzen, die unser Handeln auf die Natur hat. Wir sind Teil der Natur. Dieses kooperative Verhalten muss von Staaten, der Wirtschaft, dem Sport eingehalten werden. Konkurrenz: ja, toetliche Konkurrenz: nein.

    ich hatte frueher vorgeschlagen, das bei einem Tennisturnier nicht der gewinnt, der die meisten Punkt sammelt sondern der, der am besten spielt und sich am fairesten verhaelt.

    Weiss jemand etwas besseres?

    Euer
    Rainer

    Radikale idee

  • 12.01.2010, 03:21 UhrMarkus Schulz

    Die genaue betrachtung der ZinsesZinsPolitik muss genauer betrachtet und revidiert werden. Die Annahme, das man durch die Verleihung eines Gegenstandes (Geld,Maschine,...) einen betrag X fordernkann, ist unzulässig. Dazu ein kleines beispiel:

    ich benötige eine behälter, um Wasser zu transportieren. Zufällig hat jemand eine Tasse, die er mir für einen Tag leiht, jedoch möchte diese Person dafür einen betrag (einen Zins, eine Miete, whatever its called). Die Tasse wird weder abgenutzt, noch benötigt Person X sie für diesen Zeitraum, sie ist also verfügbar.

    Mit welcher berechtigung darf Person X einen Gegenwert von mir bekommen, worin ist das begründet? Es gibt Gegenbeispiele, beim Verleih an Freunde und bekannte, bei der Nachbarschaftshilfe oder im Verein, nirgendwo käme jemand auf die idee, dafür eine "Entschädigung" zu verlangen.

    Durch Zins und Zinseszins summieren sich hierdurch enorme Summen auf, die in der klassischen VWL das Wachstum darstellen, eine begründung ist nicht zulässig, aus folgendem Grund:

    Es ist eine Annahme, das die Tasse sich abnutzt, das man durch den Verleih einen Anteil der Anschaffungskosten verlangt oder sonstige Gegenleistungen verlangt. Alle die nun behaupten möchten, das der Zins notwendig sei, um eine "Entschädigung" für Person X zu gewährleisten vergessen, das es künstlich (artificial) ist, dies zu tun. Es wurde von Menschen in die Welt gesetzt und kann durch eben diese auch wieder genommen werden. Künstliche System, die sich nicht selbst erhalten (und das ist der Fehler im Modell, den der Zins möchte eine Nutzung für nachfolgende Generationen erhalten (wohlwollend)) und diesen auf die Vergabe von Leistung verlangen. Wenn wir aber schon bei den natürlichen Mechanismen sind, ein biologisches/organischisches System kann nicht unendlich wachsen, so wie dies auch wirtschaftliche System nicht können dürfen (diese Annahme ist falsch, kann aber ebensowenig begründet werden, wie die Verifikation). Annahmebasierte Systeme sind grundsätzlich falsch, daher ist auch die behauptung zulässig, das sie es eben nicht sind. Der Zins ist historisch gewachsen und man darf sich ganz ehrlich fragen, auf welcher basis dieses System bestand haben darf, wenn globale Revisionen (nichts anderes ist eine Krise) die Zerstörung von Leistung erfordern, um diese Spirale am Laufen zu halten. Ab einer gewissen Größenordnung kann und darf es dies nicht geben, das sehen wir im Augenblick an der Nullzinspolitik, die dazu dient, die Kapitalverleiher am Leben zu erhalten. Es geht also auch anders, doch zu welchem Preis und wie wird dieser bestimmt?

    ich habe keine griffige Lösung parat, bin aber auch kein hochdotierter Professor, der das "mal eben aus dem Ärmel" schüttelt, denoch würde ich mir wünschen wenn die Forschung (gibt es das tatsächlich in diesem bereich oder sind es lediglich dali'sche Krücken um dies zu kitten) sich dahingehend mal beschäftigen würde?

    viel Spass bei der Knobelaufgabe

    p.s. das Textfeld hier ist wesentlich zu klein :(

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