
Düsseldorf/LondonFür Quartalszahlen zum Wirtschaftswachstum aus den USA, Europa und Japan interessiert sich Richard Koo nur noch am Rande. „Diese Statistiken halten nur die Journalisten auf Trab“, sagt der Chefökonom der Denkfabrik der japanischen Investmentbank Nomura. Im Grunde genommen sei es relativ egal, ob die Wirtschaft von einem Quartal zum anderen um 0,3 Prozent wachse oder schrumpfe – kurzfristige Ausschläge nach oben oder unten änderten wenig am Gesamtbild.
„Sowohl die USA als auch Europa haben sich mit der japanischen Krankheit angesteckt“, ist Koo überzeugt. Ähnlich wie Japan zu Beginn der 90er-Jahre stünden sie vor einer langen Durststrecke. Die traditionellen Analysewerkzeuge von Ökonomen sind für solch eine Dauerstagnation nicht gestrickt. Die alten Begriffe, sie passen nicht mehr.
Beispiel Rezession: Davon sprechen Bankenvolkswirte, wenn die Wirtschaft zwei Quartale in Folge im Vergleich zum Vorquartal schrumpft. Gemessen daran sind die Euro-Zone ebenso wie die USA weit von einer neuen Rezession entfernt – in beiden Wirtschaftsräumen ist das BIP in den vergangenen vier Quartalen gestiegen.
Doch die Vergangenheit hat gezeigt, dass sich Schwächeperioden für die Menschen wie eine Rezession anfühlen können, auch wenn die technische Definition nicht erfüllt ist. Roland Döhrn, Konjunkturexperte des Essener Forschungsinstituts RWI, verweist auf die Jahre 2002 bis 2004 in Deutschland oder die sogenannte „Jobless Recovery“ in den USA 1992 bis 1994.
Marie Diron, Europa-Volkswirtin bei der Denkfabrik Oxford Economics, sagt daher: „Die rein technische Definition einer Rezession von zwei aufeinanderfolgenden Quartalen mit negativem Wachstum ist nicht sehr bedeutsam.“ Die Euro-Zone stecke im Grunde schon in der Rezession, auch wenn es die Daten noch nicht anzeigten. Die Schuldenkrise und die Probleme der Banken- und Immobilienbranche bremsten dauerhaft das Wachstum.
Auch die alternative, breitere Rezessionsdefinition, die die Konjunkturexperten des National Bureau of Economic Research (NBER) in den USA verwenden, hat ihre Tücken. Die NBER-Volkswirte schauen nicht nur auf das Wirtschaftswachstum, sondern auf eine ganze Phalanx von Indikatoren, unter anderem die Beschäftigungsentwicklung. Anfang und Ende von Rezessionen lassen sich so aber erst mit großer Zeitverzögerung diagnostizieren. So teilte das NBER-Konjunkturkomitee im September 2010 mit, dass die US-Rezession im Juni 2009 zu Ende gegangen sei.
In den vergangenen Jahrzehnten waren Rezessionen in aller Regel kurze und vorübergehende wirtschaftliche Dellen – ausgelöst durch Faktoren wie höhere Zinsen, Rohstoffpreissprünge oder Aktiencrashs. Danach dauerte es meist einige Quartale, bis die Wirtschaft einen solchen Wachstumsschock verdaut hatte – dann ging es aber wieder schnell aufwärts.
Diesmal ist es anders: Selbst laut NBER-Konjunkturkomitee war der Abschwung zwischen 2007 und 2009 mit 18 Monaten der längste der Nachkriegsgeschichte. Davor hatten sich die längsten Abschwünge (1973–75 und 1981–82) jeweils über 16 Monate erstreckt.
Dieser Befund deckt sich mit den Beobachtungen von Wirtschaftshistorikern, dass Finanz- und Bankenkrisen in hoch entwickelten Volkswirtschaften besonders negative Folgen für die Konjunktur haben – weil die Geldinstitute eine volkswirtschaftlich sehr wichtige Vermittlerrolle auf dem Kapitalmarkt spielen. Banken bringen Angebot und Nachfrage an Kapital zusammen und sind damit ein wichtiges Scharnier zwischen Sparern, die ihr Geld anlegen wollen, und Kreditnehmern, die investieren wollen und dafür Kapital brauchen.
Geraten die Banken selbst in eine wirtschaftliche Schieflage, können sie diese Funktion nicht mehr richtig erfüllen – die Kreditvergabe ist gestört und die Realwirtschaft leidet. Daher beschädigen Turbulenzen im Bankensektor gerade in hoch entwickelten Industrieländern den wirtschaftlichen Wohlstand beträchtlich – und das über einen lang anhaltenden Zeitraum, zeigt zum Bespiel eine Studie der Ökonomen Valerie Cerra vom Internationalen Währungsfonds und Sweta Chaman Saxena von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich, die in der „American Economic Review“ erschienen ist. Länder brauchen Jahre, bis sie die Folgen von Bankenkrisen hinter sich gelassen haben. „Produktionseinbußen, die mit Finanzkrisen verbunden sind, erweisen sich als hochgradig persistent“, so Cerra und Saxena.
Nomura-Ökonom Richard Koo ist sogar noch pessimistischer. Er ist überzeugt: In den USA und Teilen Europas lastet neben einer traditionellen Bankenkrise noch ein weiteres Problem auf der Wirtschaft: dass Unternehmen und Privatleute bis über beide Ohren verschuldet sind und für sie der Abbau der Verbindlichkeiten allerhöchste Priorität hat.
„Derzeit werden keine Gewinne maximiert, sondern Schulden minimiert“, sagt Koo. Weil Unternehmen sich auf die Reparatur ihrer Bilanzen konzentrieren, spricht der Ökonom von einer „Bilanzrezession“ („balance sheet recession“). „Das ist keine ganz normale Rezession“, warnt Koo.
Japan macht diese Erfahrung bereits seit den frühen 90er-Jahren. Das Beispiel zeige, wie lange es dauern dürfte, bis solche Probleme ausgestanden sind. „Japan befindet sich inzwischen im 21. Jahr der Bilanzrezession.“
Ein zentrales Problem sei, dass die Geldpolitik in solch einer Situation an Durchschlagskraft verliere. Die Akteure in der Privatwirtschaft seien so sehr auf die Reduzierung ihrer Schulden konzentriert, dass selbst historisch niedrige Zinsen nicht zu höheren Investitionen führen würden. Nach Ansicht von Koo gibt es nur eine einzige Medizin gegen eine Bilanzrezession: massive staatliche Konjunkturprogramme. „Wenn die Privatwirtschaft Schulden abbaut, muss der Staat investieren.“

Übermäßige Verschuldungen dürfen weder die Staaten noch die Privatunternemen bzw. Privatpersonen eingehen, denn diese lassen sich nicht mehr leicht aus der Welt schaffen. Besonders schlimm sind die Verschuldungen der Staaten, vor allem auch dann, wenn massive staatliche Konjunkturprogramme dann auch noch von den staaten auf Pump finanziert werden und die Finanzierung zeitlich nicht strikt begrenzt ist, die Staaten die aufgenommenen Schulden im Konjunkturaufschwang also nicht vollständig zurückzahlen. Bisher hat man dem keine Beachtung geschenkt, dann man ist ja davon ausgegangen, daß Staaten als überirdische Instutionen nicht Pleite gehen können. Wirtschaftswachstum ist in erster Linie von den Privatbanken zu finanzieren unter Beachtung der grundlegenden Prinzipen: Schuldentrag- und Rückzahlungsfähigkeit aufgrund schlüssiger Geshäftsmodelle, ausreichendem Cash Flow und werthaltiger Sicherheiten für den Fall, daß doch Zahlungsunfähigkeit eintritt.

Ähnlich wie bei gefühlten und echten Temperaturen mag man über den Sinn von gefühlter Stagnation bzw. Rezession versus gemessener Stagnation/Rezession trefflich diskutieren - beides hat so seine Vor- und Nachteile.
Interessanter ist da schon die Frage, ob monetäre und fiskalische Komponenten wesentlich ein Wirtschaftswachstum hemmen oder ob nicht auch Komponenten aus der Realwirtschaft eine wichtige Rolle spielen. Auch dies wäre einer vertieften Diskussion durchaus würdig; so eindeutig klar ist es nämlich nicht.
Läßt man sich nun einmal hypothetisch darauf ein, den Staatschulden und Strukturen des Finanzsektors (und der Immobilienbranche) den schwarzen Peter zuzuschieben, dann ist es folgerichtig, hier Maßnahmen zu ergreifen. Notwendig sind dann Verbesserungen sicher, ob sie hinreichend sind, das bleibt jedoch höchst zweifelhaft.
Bedenklich ist eine Argumentation, die den hohen Verschuldungsgrad von Wirtschaftsteilnehmern ins Spiel bringt und dann als Heilmittel darin gipfelt, das ein bestimmter Teilnehmer sich noch weiter verschulden soll: Der Staat verfügt nicht über genügend Mittel für weitreichende Investitionen, dafür müßte er neue zuätzliche Kredite aufnehmen.
Es ist trivial, daß ein hoher Verschuldungsgrad den eigenen Spielraum erheblich einengt und bei Reduzierung weiterer Einkünfte höchst bedrohlich wird. Somit ist jeder breits hoch Verschuldete gezwungen, sich unbedingt finanziell zu konsolidieren - für Regierungen soll das nun nicht gelten?
Zu Zeiten besserer Wirtschaftslage wurde eine vorausschauende Haushaltspolitik unterlassen und es wurden bedenkenlos immer mehr Schulden aufgehäuft. Jetzt fehlen die Spielräume, die Staatshaushalte kleben bereits mit dem Rücken an der Wand.
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