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Serie "Jugend forscht": Marcel Fratzscher – krisenerprobter Notenbank-Ökonom

In der VWL findet ein Generationswechsel statt. Wir stellen die neuen Köpfe vor. Heute: Marcel Fratzscher, einen der forschungsstärksten Volkswirte der EZB in Frankfurt, den die Asienkrise geprägt hat.

Kandidat mit Perspektive: EZB-Volkswirt Marcel Fratzscher. Quelle: Olaf Storbeck
Kandidat mit Perspektive: EZB-Volkswirt Marcel Fratzscher. Quelle: Olaf Storbeck

FRANKFURT. Das ist ja fast geschenkt. Zwei US-Dollar hat ihn das opulente Abendessen gekostet. Zwei Dollar für ein Dinner in diesem Nobelrestaurant von Jakarta. Als Marcel Fratzscher im Herbst 1997 die 30000 indonesischen Rupiah umrechnet, die auf der Restaurantrechnung stehen, wird ihm die Dramatik der Lage so richtig bewusst. Kurz zuvor, als die Asienkrise noch nicht zugeschlagen hatte und die indonesische Rupiah noch nicht kollabiert war, kostete ihn das gleiche Essen umgerechnet mehr als 15 Dollar.

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26 Jahre ist Fratzscher zu diesem Zeitpunkt. Nach seinem Ökonomie-Studium in Kiel, Oxford und Harvard hat er in Jakarta einen Job angetreten – als Analyst beim Harvard Institute for International Development. Die Denkfabrik berät die indonesische Regierung in Sachen Wirtschaftspolitik.

Hautnah erlebt Fratzscher Ende der neunziger Jahre, wie die Asienkrise fast über Nacht zuvor boomende Volkswirtschaften verwüstet. „Ich persönlich war gut dran, ich wurde in Dollar bezahlt“, erinnert sich Fratzscher. Aber das Elend der Einheimischen, die von heute auf morgen vor dem Nichts standen, das hat den Ökonomen tief bewegt. Und es prägt ihn bis heute. „Ich habe in Indonesien erlebt, wie viel Schaden schlechte Wirtschaftspolitik anrichten kann.“

Seit acht Jahren arbeitet Fratzscher bei der Europäischen Zentralbank (EZB) und erforscht dort alle Facetten makroökonomischer Stabilität. Nach seinen Erfahrungen in Asien ist es kein Zufall, dass er sich gerade darauf spezialisiert hat. Der 38-Jährige ist einer der wenigen Volkswirte seiner Generation, der eine tiefe Makro-Krise selbst hautnah miterlebt hat. Und er ist einer der Wissenschaftler im Frankfurter Eurotower mit der beeindruckendsten Forschungsleistung.

Kein Wunder, dass er bei der EZB jüngst einen großen Karrieresprung gemacht hat. Seit November leitet er die 22-köpfige Abteilung „International Policy Analysis“, die politische Positionen der EZB zu globalen Ökonomie- und Finanzmarktthemen formuliert.

An die 30 Aufsätze in international angesehenen Fachzeitschriften hat er veröffentlicht. Damit landete er im Handelsblatt-Ranking der forschungsstärksten deutschsprachigen Volkswirte auf einem der vorderen Plätze – eine ungewöhnliche Leistung für einen Ökonomen, der nicht hauptberuflich an einer Hochschule tätig sind.

„Die Universität ist für mich sicher eine Option, die ich nicht ausschließen möchte“, sagt Fratzscher. Bislang aber genießt er seinen Job bei der EZB – „vor allem, weil ich hier im Zentrum des wirtschaftspolitischen Geschehens bin“. Einen Großteil seiner Ideen für neue Forschungsfragen bekomme er aus dem EZB-Tagesgeschäft. Die reine Theorie, wie sie manche seiner Hochschulkollegen betreiben, die ist seine Sache nicht. Fratzscher treibt die angewandte Forschung um, die möglichst konkreten Nutzen für die Wirtschaftspolitik bringen kann.

Allerdings müsse sich auch solch praxisnahe Forschung dem wissenschaftlichen Wettbewerb stellen, ist Fratzscher überzeugt. Und wenn eine Fachzeitschrift mit strenger Qualitätskontrolle einen seiner Artikel veröffentliche, sei das nun mal das beste verfügbare Gütesiegel.

Der Bedarf an angewandter, aber theoriebasierter Forschung ist aus seiner Sicht riesig. „In der internationalen Makroökonomie gibt es noch viele offene Fragen“, sagt Fratzscher. So zeige doch gerade die Finanzkrise, wie wenig Ökonomen bislang über die „Transmission von Schocks aus dem Finanzsystem auf die Realwirtschaft wissen“.

Ein Thema, das Fratzscher als EZB-Wissenschaftler naturgemäß beschäftigt, ist die Wirkung von Geldpolitik. Er konzentriert sich dabei auf einen Aspekt, den monetäre Ökonomen erst relativ spät entdeckt haben, der aber für die Praxis enorm wichtig ist: die Frage, wie Notenbanken mit Öffentlichkeit und Märkten kommunizieren sollten.

Inzwischen haben Ökonomen erkannt: Die Kommunikation einer Zentralbank hat eigenständige ökonomische Effekte, die die Wirkungen ihrer Zinspolitik verstärken oder abschwächen können. Mit geschickter Kommunikation können Zentralbanker die wirtschaftlichen Erwartungen steuern. Interessant wird das Thema für Wissenschaftler vor allem dadurch, dass wichtige Notenbanken wie EZB, Federal Reserve (Fed) und Bank of England ganz unterschiedliche Kommunikationsstrategien verfolgen. Während angelsächsische Zentralbanken auf viel Transparenz setzen, lässt sich die EZB nicht so tief in die Karten blicken.

Fratzscher ist anhand empirischer Daten der Frage nachgegangen, ob es systematisch bessere oder schlechtere Kommunikationsstrategien gibt. Seine Antwort fällt differenziert aus: „Es gibt keine eindeutig überlegene Kommunikationsstrategie.“ Die EZB sei unter dem Strich bei der Steuerung der Erwartungen genauso erfolgreich wie die Fed.

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