Nachrichten

_

Sozialmigration: Die Mär von den faulen Ausländern

Viele Menschen sind überzeugt: Zuwanderer wollen nur den Sozialstaat ausnutzen. Eine neue Studie widerspricht der Stammtischeparole deutlich. Migranten wollen arbeiten.

Eine Frau mit Kopftuch in Berlin. Fast jeder dritte Deutsche glaubt, dass Menschen mit Migrationshintergrund den Sozialstaat ausnutzen wollen. Eine Studie widerspricht ihnen. Quelle: dpa
Eine Frau mit Kopftuch in Berlin. Fast jeder dritte Deutsche glaubt, dass Menschen mit Migrationshintergrund den Sozialstaat ausnutzen wollen. Eine Studie widerspricht ihnen. Quelle: dpa

LondonFür fast jeden dritten Deutschen besteht kein Zweifel: „Die Ausländer kommen nur hierher, um unseren Sozialstaat auszunutzen“. In einer repräsentativen Umfrage der Friedrich-Ebert-Stiftung stimmten im vergangenen Jahr 31,4 Prozent der Befragten dieser Aussage zu.

Anzeige

Thilo Sarrazin spricht diesen Menschen in seinem umstrittenen Buch „Deutschland schafft sich ab“ aus der Seele: „Wer vor allem an den Segnungen des deutschen Sozialstaats interessiert ist, der ist bei uns schon gar nicht willkommen.“ Aber gibt es diese sogenannte Sozialmigration überhaupt? Ziehen die westlichen Wohlfahrtsstaaten arme Menschen aus anderen Ländern wirklich magnetisch an?

Ein vierköpfiges Forscherteam um Klaus Zimmermann, Direktor des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA), ist dieser Frage jetzt wissenschaftlich auf den Grund gegangen - und gibt Entwarnung: „Alle Schätzungen für Migranten innerhalb der EU signalisieren, dass die Wanderungsbewegungen in der EU nicht davon abhängen, wie großzügig die Arbeitslosenversicherung in einem Land ist“, lautet das Fazit der Studie. „Die Migranten wollen sich nicht in die soziale Hängematte legen“, sagt Zimmermann. „Sie wollen arbeiten.“

Ökonomieforschung Die wichtigsten deutschsprachigen Wirtschaftsblogs

  • Ökonomieforschung: Die wichtigsten deutschsprachigen Wirtschaftsblogs
  • Ökonomieforschung: Die wichtigsten deutschsprachigen Wirtschaftsblogs
  • Ökonomieforschung: Die wichtigsten deutschsprachigen Wirtschaftsblogs
  • Ökonomieforschung: Die wichtigsten deutschsprachigen Wirtschaftsblogs

Dass die Arbeitslosenquote von Ausländern höher ist als die von Deutschen, lässt der IZA-Chef als Gegenargument nicht gelten. Der Grund ist ein anderer: das im Durchschnitt schlechtere Qualifikationsniveau. Unter Deutschen und Ausländern mit vergleichbarer Ausbildung sind ähnlich viele arbeitslos.

Die IZA-Studie stützt die Ergebnisse von Studien aus den vergangenen Jahren, ist aber methodisch anspruchsvoller. Die Ökonomen Giacomo De Giorgi (Stanford University) und Michele Pellizzari (Universität Bocconi) haben die Migrationsströme nach der EU-Osterweiterung untersucht. Sie stießen nur auf einen sehr schwachen Zusammenhang zwischen Zuwanderung und Sozialleistungen - die von manchen Ökonomen prophezeite millionenfache „Migration in den Sozialstaat“ ist ausgeblieben.

„Weltweit sprechen viele Argumente gegen die These, dass Sozialleistungen ein Magnet für Migranten sind“, lautet auch das Fazit eines Forschertrios um den dänischen Ökonomen Peder Pedersen (Universität Aarhus), das 2008 im renommierten „European Economic Review“ die Zuwanderung in 27 Industrieländern unter die Lupe nahm.

  • 04.01.2012, 10:52 UhrMario53

    Die Studie des IZA untersucht offenbar nur die Arbeitslosenversicherung, also offenbar nicht das ALG II, gemeinhin "Hartz IV" genannt, und ist damit in ihrer wissenschaftlichen Aussage nicht relevant. Man müsste korrekterweise die gesamten Sozialleistungen in einem Staat untersuchen, einschliesslich der für Sozialhilfeempfänger kostenlosen Krankenversicherungsleistungen.
    Aus meiner Zeit als Gerichtsdolmetscher kann ich sagen, dass insbesondere Nicht-EU-Ausländer (Kurden, Ukrainer, Moldavier, Libanesen u.a.)hervorragend über alle deutschen Sozialleistungen informiert sind, obwohl sie nur ganz rudimentär Deutsch sprechen oder lesen konnten. Sie kannten sich aber sehr gut aus in Fragen der Kostenübernahme bei der Ausstattung ihrer Wohnung, der Wohnungsgröße, der Erstattung von Nebenkosten, der Anmeldung eines privaten PKW (den ALG-II-Bezieher in der Regel nicht besitzen dürfen) und dem Bezug von Kindergeld. In dieser Hinsicht sind diese Ausländer also alles andere als faul, sondern höchst kreativ! Dies ist keine diskriminierende Meinung, sondern schlicht und einfach meine Erfahrung, die andere Leser wohl auch so oder ähnlich gemacht haben.

  • 31.12.2011, 08:00 UhrAdolf

    Der Unterschied zwischen dem was ein Deutscher unter "Migranten und Arbeiten" versteht (schlechtbezahlte Dreckarbeit) und was ein Mensch darunter versteht ist enorm.

  • 10.12.2011, 22:10 Uhrdomklei

    ich empfehle dringend die Lektüre von Ulfkotte Buch "Kein Schwarz.Kein Rot. Kein Gold.", was dort beschrieben wird scheint mir der Wirklichkeit doch deutlich näher zu kommen!

  • Die aktuellen Top-Themen
Tagung in Münster: Merkel bekräftigt Nein zum gesetzlichen Mindestlohn

Merkel bekräftigt Nein zum gesetzlichen Mindestlohn

Immer wieder werden in der Union Stimmen für einen gesetzlichen Mindestlohn laut. Doch Angela Merkel bleibt hart, hat den Forderungen aus den eigenen Reihen erneut eine Absage erteilt.

„Miserables Krisenmanagement“: SPD hält de Maizière eigene Ansprüche vor

SPD hält de Maizière eigene Ansprüche vor

Was wusste Thomas de Maizière? Die SPD fordert wegen des gescheiterten Drohnenprojekts „Euro Hawk“ eine lückenlose Aufklärung vom Verteidigungsminister. Und sie betont: Er solle endlich Verantwortung übernehmen.

Schutz vor Betrug: Mehr Einblick für USA bei Bilanzfälschungen chinesischer Firmen

Mehr Einblick für USA bei Bilanzfälschungen chinesischer Firmen

Die USA erhalten von chinesischen Behörden erstmals Zugang zu Bilanzprüfungsdokumenten chinesischer Firmen. Investoren sollen so besser vor Betrugsfällen geschützt werden. Die Einigung ist aber noch unverbindlich.

Handelsblog Bernanke, der Fuchs

Wenn Ben Bernanke, der Chef der US-Notenbank, hinauffährt zum Capitol Hill und mit Abgeordneten und Senatoren diskutiert, werden immer wieder dieselben Argumente ausgetauscht. Und dabei zeigt sich meist, dass der Notenbank-Chef seinen... Von Frank Wiebe. Mehr…

  • Konjunkturtermine
Konjunkturtermine: Wochenvorschau

Wochenvorschau

Die wichtigsten Ereignisse und Indikatoren in Europa und International