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Teure Wissenschaft: Forscher boykottieren Fachverlag

Weil der Fachverlag Elsevier angeblich Wissenschaftler und Bibliotheken ausbeutet, haben Forscher zum Boykott aufgerufen. Ob das ein Umdenken bei den hohen Abogebühren bewirkt, ist jedoch zweifelhaft.

Bibliotheken müssen für Abos von Fachzeitschriften eine Menge Geld bezahlen - ohne Fachliteratur geht es nicht. Quelle: dpa
Bibliotheken müssen für Abos von Fachzeitschriften eine Menge Geld bezahlen - ohne Fachliteratur geht es nicht. Quelle: dpa

LondonLange Zeit war es sein stiller, ganz persönlicher Protest: Schon vor Jahren hat Timothy Gowers beschlossen, dem Wissenschaftsverlag Elsevier so weit wie möglich aus dem Weg zu gehen. Der britische Mathematiker empfand die Abo-Gebühren, die das Unternehmen für seine Fachzeitschriften verlangt, als überzogen. Alle Anfragen, Mitherausgeber von Elsevier-Fachzeitschriften zu werden, lehnt der Cambridge-Professor seither ab.

Nach vielen Gesprächen mit Kollegen über das Geschäftsgebahren von Elsevier hat Gowers seine Kritik Ende Januar in seinem Webblog öffentlich gemacht - und traf bei vielen Forschern einen Nerv: Sein Text brachte einen weltweiten Massenprotest ins Rollen, der für Elsevier bedrohlich werden könnte.

Bis heute haben rund 6000 Forscher aus zahlreichen Fachrichtungen einen Boykottaufruf gegen Elsevier unterschrieben - unter ihnen Ingrid Daubechies, die Präsidentin der International Mathematical Union, die als Chefherausgeberin einer Elsevier-Zeitschrift zurücktrat. Nach Einschätzung von Analysten der Bank Exane Paribas haben die Proteste bereits wirtschaftliche Folgen und belasten den Aktienkurs des Mutterhauses Reed Elsevier.

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Wissenschaftliche Fachzeitschriften sind auf die Kooperation der Forscher angewiesen. Die Journale beschäftigen keine hauptberuflichen Redaktionen, sondern werden von Professoren geführt, die nebenberuflich als Herausgeber arbeiten. Die Qualitätskontrolle erfolgt ebenfalls durch externe Wissenschaftler, die ehrenamtlich die Güte der eingereichten Arbeiten prüfen. Vor allem darüber wollen die Kritiker Druck ausüben. „Ich sehe keinen Grund, warum ich umsonst für Zeitschriften arbeiten soll, die die Universitätsbudgets ausquetschen“, sagt Ted Bergstrom. Der Professor der University of California, Santa Barbara, kritisiert seit Jahren die Preispolitik kommerzieller Wissenschaftsverlage: „Die großen, profitorientierten Wissenschaftsverlage pressen so viel Geld aus der akademischen Welt heraus, wie es der Markt hergibt.“ Zusammen mit seinem Kollegen Preston McAfee forderte Bergstrom schon 2005 die Hochschulbibliotheken in einem offenen Brief auf, sich gegen die Preispolitik der privaten Verlage zu wehren.

Elsevier weist die Kritik zurück. Die Internet-Petition stelle viele Fakten falsch dar. So seien die Kosten für den Onlinezugriff pro Artikel so niedrig wie noch nie zuvor, argumentiert der Verlag in einem offenen Brief an die Wissenschaftsgemeinschaft.

Doch betrachtet man die jährlichen Abo-Preise, ergibt sich laut Bergstrom ein anderes Bild: Insgesamt seien die Gebühren, die Bibliotheken für den Zugang zu Zeitschriften zahlen müssen, seit 1999 um bis zu 80 Prozent gestiegen. „Aus Sicht der Bibliotheken ist Elsevier ein Verlag, der eine klare Hochpreispolitik betreibt“, bestätigt Olaf Siegert, Leiter der Abteilung Elektronisches Publizieren der Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften (ZBW).

Neue Magazine haben es schwer

Insgesamt sind Journale, die von kommerziellen Verlagen herausgegeben werden, im Schnitt dreimal so teuer wie Fachzeitschriften von Non-Profit-Institutionen wie Universitätsverlagen, zeigen Daten von Bergstrom und Mcaffee. Die beiden Forscher erfassen die Preise von Wissenschaftsverlagen systematisch in einer Datenbank. Elsevier versuchte Hochschulbibliotheken mit juristischen Mitten daran zu hindern, den Forschern die Vertragsdetails zu offenbaren - verlor aber 2009 einen Prozess gegen die Washington State University.

Für Wettbewerbsexperten wie Justus Haucap, den Präsidenten der Monopolkommission, ist unstrittig: „Die Wissenschaftsverlage verfügen gegenüber den Bibliotheken über erhebliche Marktmacht.“ Ohne Zugang zu den führenden Fachzeitschriften können Wissenschaftler nicht arbeiten - eine Bibliothek kann eine überteuerte Zeitschrift nicht einfach kündigen. Zudem bündeln die Großverlage ihre Journale oft und verkaufen sie im Paket. Für Bibliotheken wird es dadurch unattraktiver, einzelne Zeitschriften abzubestellen.

Hinzu kommt, dass es extrem schwierig ist, neue Magazine zu etablieren. Denn Wissenschaftler haben einen Anreiz, ihre besten Arbeiten bei den angesehensten Zeitschriften zu veröffentlichen. Neue Journale brauchen Jahre, bis sie eine Reputation aufgebaut haben. Wie schwer die Neugründung einer Zeitschrift ist, erlebte die European Economic Association (EEA). Bis 2002 hatte die Vereinigung zusammen mit Elsevier den „European Economic Review“ (EER) herausgegeben - und immer wieder erfolglos auf niedrigere Abo-Gebühren gepocht. Nach langem Streit kündigte der Professorenverband den Vertrag mit Elsevier und gründete 2003 das nichtkommerzielle „Journal of the European Economic Association“ (JEEA). In einem spektakulären Schritt wechselte das gesamte Herausgebergremium zur neuen Zeitschrift.

Wissenschaftlich sei das JEEA heute eine „sehr erfolgreiche Zeitschrift“, sagt JEEA-Herausgeber Fabrizio Zilibotti. Gemessen daran, wie häufig ein Artikel zitiert werde, liege die neue Zeitschrift gleichauf mit dem EER. „Trotzdem ist das JEEA aber noch immer unzureichend in Bibliotheken vertreten“, klagt Zilibotti. Dabei kostet es nach Daten von Bergstrom deutlich weniger als der EER. Doch wegen der üblichen Bündelverträge können Bibliotheken nicht ohne weiteres die Elsevier-Zeitschrift abbestellen und dafür das JEEA abonnieren.

Dass der Boykottaufruf Elsevier und andere Verlage zum Umdenken bringt, bezweifeln Experten. „6000 protestierende Wissenschaftler klingt nach einer schönen Zahl, aber gemessen daran, wie viele Forscher jedes Jahr Aufsätze veröffentlichen, ist das wenig“, sagt ZBW-Experte Siegert.

Auch Haucap hat Zweifel: „Ich bin skeptisch, ob ohne koordiniertes Verhalten ein Boykott Erfolg hat.“ Wirklich etwas bewegen könnten nur Forschungsgesellschaften wie die DFG, die wissenschaftliche Projekte finanzieren. „Die könnten darauf bestehen, dass die von ihnen bezahlte Forschung in frei zugänglichen Zeitschriften erscheint“, so Haucap.

In den USA verfolgt das National Institute of Health solch eine „Open-Access“-Politik bereits. Doch einige amerikanische Parlamentarier wollen dies mit dem sog genannten "Research Works Act" gesetzlich verbieten - und werden dabei von Verlagen wie Elsevier unterstützt.