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Wettbewerbsgutachten: Ökonomen als Dienstleister

Europas Wettbewerbshüter sind strenge Kontrolleure, besonders bei Übernahmen und Fusionen. Unternehmen die im Vorfeld sicher gehen wollen, setzen darum auf Wettbewerbsgutachten durch renommierte Ökonomen - und erhöhen so die Chance einem Kartellverfahren zu entgehen.

von Florian Sievers
Grünes Licht für Brüssel: Ökonomen schützen Unternehmen vor Kartellprozessen. Quelle: Klaus Meinhardt
Grünes Licht für Brüssel: Ökonomen schützen Unternehmen vor Kartellprozessen. Quelle: Klaus Meinhardt

BERLIN. Thomas R. Mai hatte vorgesorgt. Der Leiter der Rechtsabteilung des Lebensmittelkonzerns Dr. Oetker war gut vorbereitet, als sein Arbeitgeber Ende des vergangenen Jahres auf Einkaufstour gehen wollte. Damals machte sich das Unternehmen daran, unter anderem in Großbritannien das Tiefkühlpizzageschäft des US-Herstellers Schwan’s zu erwerben.

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„Aufgrund der Erfahrung wussten wir, dass wir bei dieser Akquisition Probleme mit den Wettbewerbsbehörden zu erwarten haben“, berichtet Mai. Erst 2004 hatte der Lebensmittelriese in Österreich ein ähnliches Geschäft zunächst abgeblasen, weil die nationale Bundeswettbewerbsbehörde eine marktbeherrschende Stellung befürchtete.

Oetker-Jurist Mai hatte darum schon vor dem Schwan’s-Kauf die wettbewerbsökonomische Unbedenklichkeit des Deals in einem Gutachten untersuchen lassen. Die Verfasser des Papiers befanden unter anderem, dass gekühlte, aber nicht gefrorene Fertigpizzen zum selben Markt gehörten wie die Tiefkühlpizzen von Oetker und Schwan’s.

In diesem größer gefassten Markt würde nach einem Kauf von Schwan’s Oetker keine marktbeherrschende Stellung einnehmen. Zusammen mit dem Genehmigungsantrag reichten die Oetker-Leute das Gutachten beim britischen Office of Fair Trading ein. Mit Erfolg: Die Marktaufseher fanden die Argumentation plausibel und ließen den Kauf nach einer kurzen Untersuchung unbeanstandet passieren.

Das hilfreiche Papier stammte von dem Forschungs- und Beratungsunternehmen ESMT Competition Analysis (ESMT CA). Die kleine Firma, 2007 in Berlin als Teil der Management-Hochschule ESMT gegründet, berät Unternehmen, die Probleme mit Wettbewerbsbehörden haben oder befürchten. „Wir bieten gewissermaßen einen Lackmus-Test dafür, wie das Bundeskartellamt oder die Europäische Kommission einen anstehenden Fall beurteilen werden“, sagt Hans W. Friederiszick, einer von zwei ESMT-CA-Geschäftsführern. Die 15 Industrieökonomen im Haus bearbeiten für Kunden das gesamte Spektrum des Wettbewerbsrechts, von Kartellen bis zu Staatsbeihilfen. Die Herangehensweise sei streng wissenschaftlich, betont Friederiszick: „Es gibt auch Fälle, bei denen man den Klienten sagen muss, dass die Wettbewerbsbehörde einfach recht hat.“

Firmen wie ESMT CA bieten damit für Wettbewerbsökonomen ein ungewöhnliches Einsatzgebiet: Die Wirtschaftswissenschaftler arbeiten dort wie Rechtsanwälte. Sie ordnen Fakten zu Argumentationslinien und versuchen so, eine neutrale Instanz – nationale oder europäische Wettbewerbshüter – vom Standpunkt ihrer Auftraggeber zu überzeugen. Ein Balanceakt: Die beauftragenden Unternehmen zahlen Geld für die Gutachten und hoffen auf ein günstiges Ergebnis, die Ökonomen müssen dagegen auf ihre Reputation achten – und im Notfall auch mal für die Kunden unliebsame Resultate vorlegen.

Das Geschäft mit solchen wettbewerbsökonomischen Dienstleistungen boomt. „Bis in die späten Achtziger waren ökonomische Gutachten selten bei Kartellverfahren in Europa“, schreibt Damien Neven, Chefökonom der Generaldirektion Wettbewerb bei der EU-Kommission, im „Handbook of Competition Economics“. Anne Perrot, Vorsitzende der Association of Competition Economics und Vizepräsidentin der nationalen französischen Wettbewerbsbehörde Autorité de la Concurrence berichtet, dass „die Zahl der Ökonomen, die sich mit diesem Thema befassen, bei Behörden und Beratungsunternehmen rapide angestiegen ist“.

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