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Willem Buiter: Tabu-Brecher mit britischem Understatement

Neue Regeln für die Finanzmärkte sind dem Wirtschaftsforscher Willem Buiter zu wenig. Mit radikalen Ideen will der Professor aus London neue Krisen verhindern. Seine Lösung: Negative Leitzinsen und die vollständige Verstaatlichung des Bankensektors.

Willem Buiter setzt auf radikale Lösungen. Quelle: Pressebild
Willem Buiter setzt auf radikale Lösungen. Quelle: Pressebild

LONDON. In Sachen Understatement hat sich der niederländische Wirtschaftsforscher Willem Buiter offenbar schon ganz den Gepflogenheiten seiner britischen Wahlheimat angepasst. Einen "bescheidenen Vorschlag", nannte er den Plan, den er Anfang des Jahres für die Sanierung des maroden englischen Bankensystems vorlegte. Was sich tatsächlich dahinter verbarg, gehört aber zu den radikaleren Ideen zur Lösung der Finanzkrise: Der Staat solle alle Großbanken übernehmen. Dann müssten alle toxischen Wertpapiere in eine "Bad Bank" ausgelagert und die alten Geldhäuser völlig neu gegründet werden.

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Dieses Plädoyer für eine zumindest vorübergehende Vollverstaatlichung des britischen Bankensystems ist erstaunlich. Stammt es doch nicht von einem Neomarxisten, sondern von einem anerkannten Ökonomen, der zu den Stars seiner Zunft zählt.

Der Professor aus London hat sich noch nie im Elfenbeinturm der reinen Lehre versteckt. Seit den 80er-Jahren berät der Volkswirt Regierungen, Parlamente und Institute auf der ganzen Welt. Während der Finanzkrise sorgte der 63-jährige Professor der London School of Economics mit pointierten und öffentlichkeitswirksamen Thesen für Aufsehen, die er als Kolumnist der Wirtschaftszeitung "Financial Times" verbreitet.

Buiters Lehren aus der Krise sind extrem. Sein Motto lautet: Legt den Banken Fesseln an, solange sie noch schwach sind und die Empörung über ihr Versagen groß ist. Wenn sich die Finanzbranche nachhaltig erholt, ist sie vermutlich schon wieder stark genug, um sich gegen eine strengere Aufsicht zu wehren. Sollten sich die Regeln als zu strikt erweisen und die Versorgung der Wirtschaft mit Geld und Kredit bremsen, könne man sie ja immer noch lockern.

Buiter fordert harte Eingriffe, egal ob es um die Regulierung von Hedge-Fonds geht, um die Kapitalanforderungen für Banken oder darum, welche Investoren die Verluste aus der Finanzkrise tragen sollen. Bislang sind es vor allem die Aktionäre, deren Eigentum durch den Kurssturz an der Börse und durch Verstaatlichungen entwertet wurde. Dagegen blieben die Anleihegläubiger bislang weitgehend verschont. Der Ökonom glaubt aber, dass im Fall einer Verstaatlichung sowohl Aktionäre als auch Gläubiger leiden sollten. Das Argument, dass die Refinanzierung des gesamten Bankensystems im Fall einer Enteignung der Anleiheinvestoren kollabieren würde, hält er für nicht stichhaltig.

Als Beleg führt der Forscher das Beispiel von Argentinien an. Das südamerikanische Land habe mit seiner Zahlungsverweigerung zur Jahrtausendwende zwar seine internationalen Gläubiger schockiert und lange unter dem Glaubwürdigkeitsverlust gelitten, am Ende aber doch das Vertrauen der Märkte zurückgewonnen.

Buiter liebt den Tabubruch. Anlässlich der großen Finanzkrise holte er eine kontroverse Idee aus der Schublade, die die Gesetze der Geldpolitik erschüttern würde: negative Leitzinsen. Zusammen mit anderen Professoren hatte er schon Anfang des Jahrzehnts Vorschläge gemacht, wie die japanische Zentralbank mit negativen Zinsen die chronische Krise des Landes beenden könnte. Japan steckte in einer Abwärtsspirale aus schrumpfender Nachfrage und Preisverfall, der auch mit Zinsen von null Prozent nicht mehr beizukommen war. Die Parallelen zur heutigen Situation in vielen Industrieländern sind nicht zu übersehen, und so schrieb Buiter in seinem Blog: "Es gibt keinen theoretischen oder praktischen Grund dafür, dass die US-Leitzinsen nicht bei minus fünf Prozent oder sonst wo liegen könnten."

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