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Wirtschaft und Ethik: Warum die Krise Wirtschaftsethiker spaltet

Die Finanzkrise verschafft Wirtschaftsethikern Auftrieb – dabei blicken Amerikaner ganz anders auf die Misere als Europäer. Hierzulande sprechen sich Vertreter des Fachs für eine Zähmung der Marktwirtschaft aus. Auf der anderen Seite des Atlantiks sind Wirtschaftsethiker dagegen überzeugt: Erst der Kapitalismus macht Menschen tugendhaft.

Quelle: Lutz Widmaier
Quelle: Lutz Widmaier

BERLIN. Seit dem Beginn der Wirtschaftskrise stehen sie im Rampenlicht, werden vor Fernsehkameras und Radiomikrofone gezerrt und von Unternehmern umschmeichelt. Wirtschaftsethiker und -philosophen sind gefragt wie selten zuvor. Passen Markt und Moral zusammen? Macht der von Gier bestimmte Kapitalismus die Menschen kaputt? Wer trägt die Verantwortung, wenn der Markt in die Krise führt?

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Die Antworten, die die Wirtschaftsethiker darauf geben, hängen offenbar auch stark davon ab, ob sie in den USA oder in Europa lehren. Sie reichen von der Aussage, dass der Kapitalismus die Menschen gut und tugendhaft mache, bis zur Feststellung, dass man den Markt zivilisieren müsse, weil freie und gleiche Bürger wichtiger seien als der freie Markt.

Die eine Extremposition nimmt Deidre McCloskey ein, Ökonomin, Historikerin und Philosophin an der University of Illinois in Chicago. „Wir müssen den modernen Kapitalismus nicht bremsen oder verändern, damit er gut wird“, ist sie überzeugt. „Im Gegenteil, Kapitalismus kann tugendhaft sein. Er ist besser als irgendeine Alternative“, sagt die glühende Verfechterin der Tugendethik, die den Charakter der Menschen in den Mittelpunkt stellt.

Nach Ansicht von McCloskey prägen sieben von ihr „bürgerlich“ genannte Tugenden das Wirtschaftsleben: Vertrauen, Hoffnung, Liebe, Gerechtigkeit, Mut, Mäßigung und vorausschauende Klugheit. „Der Kapitalismus macht uns zu besseren Menschen, weil wir in ihm nur mit diesen Tugenden überhaupt Erfolg haben können“, ist McCloskey überzeugt. Nur mit diesen Eigenschaften lasse sich auch das Aufkommen der industriellen Revolution erklären.

Die Gier und Skrupellosigkeit vieler Manager und Lobbyisten, die die Krise offenlegt, lassen die Forscherin nicht an ihrem Konzept zweifeln. „Gier ist universell und zeitlos und hat absolut gar nichts mit dem modernen Kapitalismus zu tun.“ Die bis zur Krise verbreitete „Gier ist gut“- These lehnt sie ab. Die meisten Geschäftsleute seien doch „ehrlich und bescheiden“.

McCloskeys Kollegin Nancy Folbre von der University of Massachusetts Amherst, die mit McCloskey auf der Jahrestagung der „American Economic Association“ im Januar in San Francisco in einer Diskussionsrunde saß, sieht schon etwas mehr Handlungsbedarf, wenngleich auch sie den Kapitalismus nicht grundsätzlich infrage stellt. „Die Deregulierung der Finanzmärkte hat einen zerstörerischen Opportunismus gefördert, der die Wirtschaft jetzt ernsthaft destabilisiert.“ Generell sei es immer offensichtlicher geworden, dass das individuelle Verfolgen eigener Interessen auf Märkten zu negativen Ergebnissen führe. „Es ist eben nicht so, dass Wirtschaftswachstum uns automatisch Gesundheit, Glück und Tugend bringt.“ Als Lösung sieht die Professorin neue Institutionen, die die richtige Balance herstellen zwischen Eigeninteresse und der Sorge für andere. Diese könnten aber nicht die Ökonomen alleine schaffen, es seien alle Sozialwissenschaftler gefragt.

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