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Wirtschaft und Politik: Die heimlichen Lobbyisten

Schon lange steht die Frage im Raum, warum so viele Ökonomen bei der Krisenpräsentation kläglich versagten. Eine US-Studie offenbart die massiven Interessenkonflikte der Zunft. Braucht sie einen Verhaltenskodex?

Zentrale der Investmentbank Lehman Brothers in New York. Die Vernetzung zwischen Ökonomen und Finanzindustrie ist erschreckend. Quelle: dpa
Zentrale der Investmentbank Lehman Brothers in New York. Die Vernetzung zwischen Ökonomen und Finanzindustrie ist erschreckend. Quelle: dpa

New YorkEs war kurz nach dem Niedergang der Investmentbank Bear Stearns im Frühjahr 2008, als Gerald Epstein im Autoradio ein Interview hörte. "Brauchen wir künftig eine stärkere Regulierung der Finanzmärkte?" fragte der Moderator. Nein, antwortete ein Ökonom - die Märkte seien effizient und regelten sich selbst.

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Epstein kannte den Kollegen und wusste: Der Akademiker beriet nebenbei für gutes Geld eine Finanzfirma, er war also befangen. Doch das wurde im Interview mit keinem Wort erwähnt.

Um wen es sich handelte, verrät Epstein bis heute nicht. Doch das Erlebnis inspirierte den Wirtschaftswissenschaftler der University of Massachusetts Amherst zu einer Studie über die finanziellen Eigeninteressen von Ökonomen. Deren Ergebnisse sind haarsträubend und haben in den USA eine heftige Debatte ausgelöst: Soll sich die Zunft einen Verhaltenskodex geben, der sie verpflichtet, Interessenkonflikte offenzulegen?

Jetzt schwappt die Diskussion nach Deutschland: Auch auf der Vorstandssitzung des Vereins für Socialpolitik in der vergangenen Woche stand das Thema auf der Tagesordnung.

Eigeninteressen bei 70 Prozent.

Schon lange rätselt die Öffentlichkeit, weshalb so viele Ökonomen in Sachen Krisenprävention kläglich versagten. Lag es möglicherweise auch daran, dass ihre persönlichen Interessen mit denen des Finanzsektors verwoben waren? Vor allem in den USA ist es üblich, dass Wissenschaftler die Grenze zwischen Theorie und Praxis überspringen - sie arbeiten mal im akademischen Raum, mal für ein Unternehmen, mal in der Politik. Diese Durchlässigkeit galt lange als vorbildlich. Doch zu viel Nähe kann auch korrumpieren.

Im April 2009 fand an der Stanford University eine Podiumsdiskussion zur Finanzkrise statt. Einer der Experten war der Ökonom Darrell Duffie. Als ihn ein Student fragte, warum Ratingagenturen Bestnoten für toxische Papiere vergaben, sprach Duffie beschönigend von einem "Fehler". Erst auf eine weitere Frage hin räumte er ein, dass er selbst im Verwaltungsrat der Ratingagentur Moody's sitzt.

Ähnliche Interessenkonflikte deckt US-Regisseur Charles Ferguson in seinem Film "Inside Job" auf: Harvard-Professor Martin Feldstein, schon unter Ronald Reagan ein Advokat der Deregulierung, saß über 20 Jahre im Verwaltungsrat des Versicherers AIG und verdiente dabei Millionen.

  • 01.03.2011, 17:31 UhrAnonymer Benutzer: KlausH

    Ach so, der Hüther ist also neutral.
    . ganz laut lach -

  • 01.03.2011, 17:24 UhrAnonymer Benutzer: klabautermann

    "Wäre so etwas in Deutschland überhaupt nötig?"

    Und dann zb Michael Hüther anzuführen ist schon etwas zu kurz gegriffen.
    Schon einmal etwas von der "Initative Neue Soziale Marktwirtschaft" gehört?
    Wenn man sich ansieht wer als deren Botschafter eintritt und welche Meinungen sie, gerade als gerngesehene Talkshowgäste vertreten, ohne Erwähnung ihrer Botschaftertätigkeit, denke ich, dass so etwas in Deutschland genau so nötig wäre wie in den USA und in der Ökonomie im Rest der Welt.

  • 01.03.2011, 15:53 UhrAnonymer Benutzer: farrach

    Na, Gott sei Dank hat das Rätseln ein Ende. Dass heute die relevanten Gesetze für Großbetriebe (mit entsprechender Lobbying-Kapazität) gemacht werden, ist für den aufmerksamen Staatsbürger kein Geheimnis mehr. Dass nun bedeutende Wirtschaftswissenschaftler sich offensichtlich auch ein "Zubrot" mit privaten Beratungen verdienen und folglich in ihren Arbeitsergebnissen von gewissen Repräsentanten unserer wirtschaftlichen Gesellschaft abhängig sind, wundert mich auch nicht mehr. Es freut mich vielmehr, dass dieses Faktum endlich angesprochen wird.

    Die Krise ist maßgeblich auf die heute - vom Gesetzgeber gern praktizierte - Ungleichbehandlung von Betrieben in unserer Gesellschaft zurückzuführen. Jene (meist Groß-)Betriebe, die gut vernetzt sind, können sich die gesetzliche Situation sehr oft mithilfe Ihres (fachlichen?) Einflusses auf die Politik richten. Die "SACHE" an sich tritt bei Entscheidungen sehr oft in den Hintergrund.
    Offensichtlich "kaufen" sich gerade diese Unternehmen auch die Wissenschaft und schaffen die "fachliche" Basis für volkswirtschaftlich kontraproduktive Gesetzesentscheidungen.

    Wobei ich den Wissenschaftlern gar nicht die "Hauptschuld" zuschieben würde, ihnen fehlt sehr oft die Erfahrung in der Praxis als Unternehmer. (Eine "Praxiszeit" in einem Kleinbetrieb wäre vielleicht für Volkswirtschaftler sinnvoll.)
    Das Betreiben eines globalen Konzernes und die Tagesarbeit als z.B. kleiner oder mittlerer Unternehmer in Westeuropa unterscheidet sich heute in wesentlichen Punkten. Darauf sollte der Gesetzgeber raschestmöglich Rücksicht nehmen. Ein europäisch koordiniertes wirtschaftliches Konzept wäre in dieser Hinsicht natürlich dienlich.

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