
KÖLN. Mehr Wirtschaftsethik und Nachhaltigkeit forderten die Studenten der Kölner Hochschulgruppe Oikos für ihren Lehrplan schon länger. „Zu diesen Themen gab es an unserer Uni leider absolut keine Angebote, darum haben wir es selbst in die Hand genommen“, sagt Joscha Enger. Er ist Vorstand der Kölner Oikos-Gruppe. Die Studentenorganisation setzt sich mittlerweile in 19 Ländern für nachhaltiges Wirtschaften ein und hat vor zwei Semestern eine Ringvorlesung zu nachhaltiger Entwicklung gestartet.
„Der Hörsaal ist voll“, gibt sich Enger zufrieden. „Die Wirtschaftskrise scheint viele Kommilitonen zum Umdenken gebracht zu haben.“ Und nicht nur sie. Viele Hochschulen überdenken ihre Lehrpläne. Denn überall, wo die Krise wütet, stehen Wirtschaftsfakultäten und vor allem die Business-Schools für ihre Managerausbildung in der Kritik.
Manche Lehrende wie der kanadische Management-Professor Henry Mintzberg werfen den Business-Schools vor, über Jahre hinweg einen analytischen, abgehobenen Managementstil gelehrt zu haben. Die typischen Fallstudien würden den Elite-Schülern vorgaukeln, sie könnten komplexe Situationen in kürzester Zeit bewerten und weitreichende Entscheidungen treffen. Das habe viele Unternehmen in Existenznöte getrieben, sagt Mintzberg.
Der deutsche Hochschullehrer Birger Priddat, Professor für Politische Ökonomie an der Universität Witten-Herdecke, glaubt, dass Manager grundsätzlich eine andere – nicht nur an Bonuszahlungen ausgerichtete – Haltung brauchen. Eine umfassendere Verantwortung lerne man zwar besser in der Praxis als im Hörsaal, sagt Priddat, aber wenn im Studium die „absolute Freiheit im Denken“ unterstützt werde, sei schon viel erreicht. Die Hochschule in Witten setzt daher darauf, den Studenten möglichst viel Eigenverantwortung bei der Fächerauswahl und in Projektarbeit zu geben.
Ulrich Thielemann, Wirtschaftsethiker an der Universität St. Gallen, geht das nicht weit genug. Vielmehr müsse an den Universitäten „die Marktgläubigkeit grundlegend erschüttert werden“. Zu oft werde mit Blick auf die Finanzkrise vergessen, dass Universitäten primär Bildungseinrichtungen und nicht einfach Ausbildungsstätten für Manager seien. Auch in der BWL müsse es um „Bildung im umfassenderen Sinne“ gehen. Darum fordert Thielemann: „Mehr Pluralismus in den Wirtschaftswissenschaften.“
Und weil sich das Wissenschaftssystem nicht von allein für neue Inhalte öffne, schlägt er vor, dass die Politik ethische Inhalte zur Pflicht macht. Konkret solle gute Unternehmensführung (Corporate Governance) zum Pflichtprogramm des BWL-Studiums gehören. Diese bestehe nämlich in einem fairen Ausgleich zwischen allen Parteien und nicht in Maßnahmen, die in erster Linie Aktionären und Gesellschaftern nutzen.
Die Wirtschaftsfakultät in St. Gallen, eine der Hochburgen für angehende Investmentbanker, ist von einem solchen Pflichtprogramm allerdings noch weit entfernt: „Nur knapp 20 Prozent der BWL-Studenten belegen Kurse in Wirtschaftsethik“, sagt Thielemann.
Dass soziale und Nachhaltigkeits- Themen wie „Corporate Social Responsibility“ mittlerweile an fast allen Universitäten und Business-Schools auf dem Lehrplan stehen, ist in den Augen des Wissenschaftlers eher ein Alibi als ein Zeichen für ein Umdenken. „Hier gibt es Programme, die ethische Inhalte nach den Mustern der Marktgläubigkeit vermitteln.“ Andere sähen in der Ethik einen „Satz von Maßnahmen“, der mit dem Kerngeschäft nur wenig zu tun hat. Unternehmerisches Handeln müsse demgegenüber aber als Ganzes auf ein ethisches Fundament gestellt werden. „Was machen wir mit unserem Unternehmen eigentlich, und wie machen wir das?“ fragt der Ethiker.
Eine besondere Verantwortung tragen die Business-Schools. Sie gelten als Königsweg ins Topmanagement großer Unternehmen. In ihren MBA-Programmen bereiten die Schulen ihre berufserfahrenen Schüler gezielt auf Führungspositionen vor. Die Visitenkarten der teuren Eliteschulen sind ihre Platzierungen in internationalen Rankings, die häufig das Einkommen der MBA-Absolventen als Gradmesser für die Qualität der Ausbildung heranziehen.
Eine Ausnahme ist die Rangliste des Aspen-Instituts. Die amerikanische Denkfabrik bewertet die Business-Schools nicht nach dem Kontostand ihrer Absolventen, sondern danach, in welchem Umfang sie Kurse zu gesellschaftlichen und Umweltthemen anbieten. Neben der renommierten Stanford Graduate School of Business landen mit Michigan und York zwei Schulen unter den besten drei, die es in den Rankings sonst nicht bis ganz nach oben schaffen. Als bester europäischer Vertreter belegt die Madrider IE Business School Platz zehn. Das Aspen-Institut stellt fest, dass immer mehr dieser Schulen Seminare mit gesellschaftlichen und sozialen Inhalten anbieten. Zwischen 2001 und 2007 hat sich der Anteil solcher Veranstaltungen von einem Drittel der Schulen auf zwei Drittel verdoppelt.
Die Wirtschaftskrise hat dieses Umdenken noch einmal verstärkt. Ungewohnt kleinlaut suchen angesehene Wirtschaftsschulen in den eigenen Reihen nach den Verantwortlichen: „Ich frage mich, wo all die intelligenten, gut ausgebildeten Manager, wie wir sie hervorbringen, gewesen sind, als sie ihr Handeln hätten hinterfragen müssen“, sagt Frank Brown, der Dekan von Insead in Fontainebleau. Er befürchtet, dass viele „einfach nicht mutig genug waren zu fragen, was eigentlich los ist.“ Auch wenn es zurückblickend zu einfach sei, die Business-Schulen allein für die globale Krise verantwortlich zu machen, so müssten die Schulen jetzt trotzdem alles in ihrer Macht Stehende tun, „um zu verhindern, dass so etwas noch einmal passiert“, sagt Brown. Als erste Antwort auf die Krise bietet Insead eine Vorlesungsreihe zur Entstehung der Krise an.
An der renommierten Wharton School in Pennsylvania koordiniert der Management-Professor Mauro F. Guillen die Krisenreaktion. Er setzt weniger auf neue Veranstaltungen, sondern darauf, die bestehenden Angebote weiterzuentwickeln. An den in die Kritik geratenen Fallstudien will Guillen in Wharton festhalten. Sie seien eine exzellente Möglichkeit, die Realität im Hörsaal zu simulieren, auch wenn es um ethische Aspekte gehe. Guillen selbst hat gerade eine Fallstudie entwickelt, in der seine Studenten nachvollziehen müssen, was eine Betriebsschließung in einer Kleinstadt für die Arbeiter und das Gemeinwesen bedeutet.
Die deutschen Schulen setzen schon länger auf ethische Themen im Stundenplan. Sie waren bei der Mannheimer Business School (MBS) schon vor der Krise für alle Studenten verpflichtend. Sie müssen darin zum Beispiel soziale Projekte planen und umsetzen. „Das ist kein Window-Dressing, sondern Teil der Benotung“, betont MBS-Präsident Christian Homburg. Doch auch in Mannheim gibt es einen kurzfristigen Aktionsplan mit Konferenzen und neue Fallstudien zur Krise.
Die Berliner ESMT schickt ihre Studenten in Grundschulen von Problembezirken. „Als Mentoren der Schüler sollen sie sich ihrer besonderen gesellschaftlichen Verantwortung bewusst werden“, sagt ESMT-Professor Jörg Rocholl. Er prophezeit, dass die Krise einen neuen Typus von Managern hervorbringen werde, von dem andere Fähigkeiten als bisher verlangt werden. „Durch die staatlichen Eingriffe müssen Manager den Staat besser verstehen und mit ihm zusammenarbeiten.“ Darauf sollen die ESMT-Studenten künftig mehr vorbereitet werden. Insgesamt könnten solche Maßnahmen zwar die Sensibilität der Studenten erhöhen, Fehlverhalten könne man aber nie ausschließen. „Die Studenten können bei uns ihren Führerschein machen“, sagt Rocholl, „fahren müssen sie später selbst.“
Mehr Wirtschaftsethik und Nachhaltigkeit, das fordern viele. Doch an den staatlichen Hochschulen sind Lehrstühle dafür immer noch Mangelware. Viele Jahre gab es dafür nur St. Gallen. http://www.karriere-einsichten.de/2010/06/passendes_studium_finden/
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