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Finanzkrise: Was Evangelikale über die Krise verraten

Evangelikale Christen sind in den USA eine nicht zu unterschätzende Religionsgruppe. Sie rechnen jederzeit mit dem Weltuntergang und stehen irdischem Reichtum skeptisch gegenüber. Ökonomen sind überzeugt: Wer die Ursache der Finanzkrise verstehen will, der muss sich mit den Evangelikalen beschäftigen. Was kurios klingt, hat einen seriösen Hintergrund.

Quelle: Reuters
Quelle: Reuters

Sie sind davon überzeugt, dass das Ende der Welt unmittelbar bevorsteht, und können es kaum erwarten: Überzeugte evangelikale Christen - in den USA eine kleine, aber gut organisierte und einflussreiche Minderheit - fiebern dem "Jüngsten Gericht" und der dadurch erhofften Erlösung entgegen.

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Seit 1995 gibt es im Internet einen täglich aktualisierten "Erlösungsindex" zur aktuellen Wahrscheinlichkeit des Weltuntergangs. Je schlechter die Weltnachrichten, so die Logik, desto näher die Stunde der Erlösung. Sein Allzeithoch erreichte der Index kurz nach dem 11. September 2001, derzeit liegt er etwas niedriger.

Christopher Crowe, Ökonom im Forscherstab des Internationalen Währungsfonds (IWF), ist überzeugt: Wer die Ursachen unserer Finanz- und Wirtschaftskrise verstehen will, sollte sich mit den Evangelikalen in den USA beschäftigen.

Was im ersten Moment kurios klingt, hat einen ernsthaften Hintergrund. Es geht um die Frage, was genau die massive Spekulationsblase auf dem amerikanischen Immobilienmarkt ausgelöst hat. Dort haben sich die Hauspreise zwischen den Jahren 2000 und 2006 nahezu verdoppelt. Ohne diesen Boom und den darauf folgenden Crash wäre die Weltwirtschaft nicht ab Sommer 2007 in die tiefste Krise seit der Großen Depression gefallen.

Viele traditionelle Ökonomen sehen die Hauptschuld bei der US-Notenbank. Diese habe die Leitzinsen zu lange zu niedrig gehalten und mit billigem Geld die Nachfrage nach Immobilien künstlich angeheizt. Verhaltensorientierte Wirtschaftsforscher widersprechen. Sie sehen psychologische Kräfte als Haupttreiber des Spekulationsfiebers. Millionen Amerikaner seien von irrationalem Überschwang gepackt gewesen. "Aus verschiedenen Gründen verbreitete sich um die Wende zum 21. Jahrhundert in den Vereinigten Staaten und anderswo die Überzeugung, Wohnimmobilien seien eine ausgezeichnete Geldanlage", schreiben die US-Ökonomen George Akerlof und Robert Shiller in ihrem Buch "Animal Spirits". "Eine regelrechte Euphorie erfasste die Immobilienmärkte."

Fundamentale Größen wie die Zinsen und das Bevölkerungswachstum könnten allein die Immobilienblase nicht erklären. Dass aber psychologische Faktoren das fehlende Glied in der Kette sind, dafür fehlen bislang harte Belege - schließlich sind solch weiche Faktoren schwer zu messen.

An dieser Stelle werden die eingefleischten evangelikalen Christen für Ökonomen interessant. Ihr strenger Glaube führt nicht zu größerer Rationalität, aber zu einer ganz anderen Einstellung zu Geld und Reichtum als beim Durchschnittsamerikaner. Anders als Calvinisten und andere Protestanten stehen endzeitgläubige Evangelikale materiellem Wohlstand skeptisch bis feindselig gegenüber. Überzeugte Anhänger evangelikaler Sekten seien möglicherweise immun gegen Spekulationsgeschäfte, argumentiert Crowe sin seiner Studie mit dem Titel "Irrational Exuberance in the U.S. Housing Market: Were Evangelicals Left Behind?". Er vermutet daher: Wenn die Hauspreise wirklich deshalb explodiert sind, weil sich die Amerikaner bis 2006 in eine kollektive Immobilienhysterie hineingesteigert hatten, dann müssten die Exzesse in Regionen mit vielen Evangelikalen kleiner gewesen sein.

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