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Geldpolitk: Ottmar Issing verteidigt EZB-Strategie

Internationale Ökonomen haben den geldpolitischen Ansatz der Europäischen Zentralbank lange kritisiert. Durch die Krise sieht sich der Vater der Ausrichtung bestätigt.

Oar Issing, der ehemalige Chefökonom der EZB, hält die einseitige Fixierung auf Inflation und Inflationserwatungen für falsch. Quelle: Reuters
Oar Issing, der ehemalige Chefökonom der EZB, hält die einseitige Fixierung auf Inflation und Inflationserwatungen für falsch. Quelle: Reuters

London.Was haben sie seine Theorien verlacht. "Unmodern", "veraltet", "gefährlich" - jahrelang musste sich Otmar Issing diese Kritik gefallen lassen. Der einstige Chefökonom der Europäischen Zentralbank (EZB) hatte durchgesetzt, dass die Bank der Frage, wie viel Geld im Umlauf ist, besondere Beachtung beimisst. Die Entwicklung der Geldmenge liefere wichtige Informationen über Inflationsgefahren.
International führende Makroökonomen hielten das für einen Holzweg. Der besondere Stellenwert, den die EZB der Geldmenge zubillige, sei wissenschaftlich betrachtet nicht angemessen. Inflation hänge von der Konjunkturlage ab, der Teuerung in der Vorperiode, den Inflationserwartungen und exogenen Schocks wie höheren Ölpreisen. Geld sei nicht mehr als eine Recheneinheit und habe keine eigene ökonomische Funktion.
Jahrelang wehrte sich die EZB gegen Forderungen, ihre geldpolitische Strategie zu modernisieren und wie fast alle anderen Notenbanken ausschließlich und direkt auf Inflation und Inflationserwartungen zu schauen ("Inflation Targeting").
Issing, seit vier Jahren im Ruhestand, geht jetzt zum Gegenangriff über. In einen Aufsatz, der Ende der Woche als Arbeitspapier des Internationalen Währungsfonds erschienen ist, verteidigt er seine Philosophie. "Ich habe nie verstanden, warum die Geldpolitik 'Geld' und Geldschöpfung ignorieren soll", schreibt der 75-Jährige. Und die Finanzkrise habe ihn auf ganzer Linie bestätigt.
Der Zusammenbruch des Bankensystems nach dem Kollaps des US-Immobilienmarkts, so Issing, hätte das fundamentale Problem des "Inflation Targeting" offenbart: Es könne zu Situationen kommen, in denen zwar die Güterpreise stabil seien, aber gleichzeitig die Geld- und Kreditmenge parallel mit Aktienkursen und Immobilienpreisen steige. Wenn die Geldpolitik das ignoriere, laufe sie Gefahr, Spekulationsblasen zu beflügeln und Instabilität zu erzeugen.
Das gängige Gegenargument, Zentralenbanker wüssten nicht mehr als die Märkte und könnten Blasen nicht frühzeitig erkennen, lässt er nicht gelten: "Was zählt, ist die Entwicklung der Aktienkurse oder der Immobilienpreise im Allgemeinen." Tatsächlich findet derzeit auch in anderen Notenbanken ein Umdenken statt. So kamen Volkswirte der Bank of England jüngst zu dem Schluss: Wer vor der Krise die gesamten Finanzströme in der Wirtschaft analysiert hätte, der hätte die gewaltigen Risiken und Instabilitäten erkennen können.
In der aktuellen Forschung mehren sich jedoch die Zeichen, dass das Kreditvolumen für die makroökonomische Stabilität wichtiger ist als die Geldmenge an sich - zu diesem Schluss kommen zum Beispiel Moritz Schularick (Freie Universität Berlin) und Alan Taylor (University of California).
Eine empirische Arbeit für die USA zeigt zudem: Die Immobilienblase war in den Regionen besonders groß, in denen die Banken extrem freigiebig Hypothekenkredite vergeben haben - und dort war später auch der ökonomische Absturz am schlimmsten.
Issing dagegen pocht weiterhin auf die Rolle der Geldmenge: "Es gibt in der ökonomischen Forschung kaum einen Dissens darüber, dass Inflation langfristig ein monetäres Phänomen ist", schreibt er und zitiert damit die zentrale These von Milton Friedman. Es dürfe keine Frage sein, ob die Zentralbanken ihre Entscheidungen berücksichtigen sollen. "Die Frage muss sein, wie sie es tun."
Die EZB habe diese Herausforderung angenommen - allerdings sei ihre derzeitige Strategie auch nicht das letzte Wort dazu.

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