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Ökonomie: Leben in der Scheinwelt

Die Finanz- und Wirtschaftskrise ist auch eine Krise der Wirtschaftswissenschaften. Die Disziplin muss einschneidende Konsequenzen aus ihrem Versagen ziehen. Sie muss ihre geistige Monokultur überwinden und mehr intellektuelle Vielfalt wagen.

Olaf Storbeck ist Redakteur und Buchautor. Quelle: Pablo Castagnola
Olaf Storbeck ist Redakteur und Buchautor. Quelle: Pablo Castagnola

Es war ein freundliches, ungezwungenes Hintergrundgespräch im Bonner "Institut zur Zukunft der Arbeit". Eigentlich sollte es in der noblen Stadtvilla mit idyllischem Blick auf Rhein und Siebengebirge um ein Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft gehen. Doch bei Kaffee und Gebäck kam der Ökonomie-Professor ins Plaudern - und gewährte einen ungeschminkten Einblick in das wahre Denken seiner Zunft: "Wissen Sie, die ersten vier Semester im VWL-Studium brauchen wir fürs Brain-Washing der Studenten." Und lachte süffisant.

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Der Mann sagte wirklich "Brain-Washing", und er meinte es nicht etwa ironisch. Eher stolz. Die jungen Leute, die nach dem Abitur an die Universität kämen, seien doch naive Gutmenschen. Das müsse man ihnen mühsam austreiben. Erst dann könne man gute Volkswirte aus ihnen machen. Gehirnwäsche - laut Lexikon eine "Methode psychologischer Manipulation" - als Basis der Ökonomenausbildung.

Wie in einem Brennglas bündelt diese Anekdote das Elend der etablierten Volkswirtschaftslehre. Wichtige Teile des Fachs, das sich selbst als die Königin der Sozialwissenschaften versteht, leiden unter tiefgreifenden, strukturellen Problemen: Ihre Prämissen, Methoden und Ergebnisse sind losgelöst von der Realität - so weit, dass die Gehirne der Studenten erst einmal zwei Jahre lang porentief reingewaschen werden müssen. Betroffen ist vor allem die Makro-Ökonomie, jene Disziplin, die sich mit der Gesamtwirtschaft beschäftigt, mit wichtigen Fragen wie Arbeitslosigkeit, Inflation und Wirtschaftswachstum. Ein Forschungszweig, dessen Relevanz für Wohl und Wehe von Millionen Menschen nicht überschätzt werden kann.

Die Finanz- und Wirtschaftskrise, die vor zwei Jahren mit der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte, hat diese Schwächen sichtbar gemacht. Die Mainstream-Makroökonomen leben in einer Scheinwelt, die mit der Wirklichkeit nur zufällige Parallelen besitzt. Die Methoden und Modelle, die in der Forschung üblich waren, haben den Blick auf viele Probleme, die zur zweiten Weltwirtschaftskrise geführt haben, verstellt. In ihnen gibt es keine Banken, keine Kredite, keinen irrationalen Überschwang - und ergo auch keine Bankenkrisen, keine Kreditklemmen, keine Spekulationsblasen.

Je berühmter die Ökonomen, desto größer die Hybris. Ein Beispiel ist Robert Lucas, einer der wichtigsten Architekten der etablierten Makro-Ökonomie und Nobelpreisträger des Jahres 1995. Rezessionen hat er in theoretischen Arbeiten für unbedeutend erklärt - Wirtschaftsabschwünge richteten langfristig so geringe Schäden an, dass sich die Wirtschaftspolitik nicht weiter darum kümmern müsse. Und 2003 prahlte Lucas gar, die Volkswirtschaftslehre habe "das zentrale Problem, wie Depressionen zu verhindern sind, gelöst". Für Makroökonomen gebe es kein langweiligeres Thema als Konjunktur und Krisen.

  • 25.01.2012, 12:59 UhrAnonymer Benutzer: VWL-Student

    Ich stimme dem Artikel in vielen Punkten zu (VWL-Student 5. FS). Aber pauschalisierend zu behaupten, dass wir Studenten Offensichtliches nicht erkennen würden und uns von den Lehr-Meinungen total indoktrinieren ließen, ist in vielen Fällen nicht (mehr?) der Fall, was man sowohl dem Internet (und damit dem kritischen Umgang aller Informationen, Meinungen und Ansichten) verdanken kann, als auch viele jüngere Professoren, die selbstkritisch die Lehrinhalte beurteilen. Ein Vertiefungsmodul in Verhaltensökonomie (ja, das gibt es sogar bereits für Bachelorstudenten, so realitätsfern sind nicht mehr alle Unis) tut sein Übriges. Viellicht ist meine Universtität da ein leuchtendes Vorbild, aber dennoch sollte man die (VWL) Studenten nicht unterschätzen. Wir sind durchaus in der Lage, kritisch zu denken (was uns auch ständig eingebläut wird). Gerade für uns kommt jetzt eine spannende Zeit zu, die wir mitbestimmen können, und so ist - wie jede Krise- auch diese Situation eine Chance zur massiven Verbesserung der wirtschaftswissenschaftlichen Denkweise, welche - da gebe ich gerne Recht- in vielen Fällen zu extrem gedacht hat, die "durchschn. Wirklichkeit" aber immer (auch in der Natur) in der Mitte anzusiedeln ist.

  • 05.10.2010, 14:18 UhrAnonymer Benutzer: Daniel Jungblut

    Ein wirklich lesenswerter Artikel, der viele Zusammenhänger erhellt. Vor allem die Diskursion der Ökonomie als ideologie, also als Möglichkeit(!) der Lebensführung, die in ihrem aristotelischen Ursprung als Ethos ja keineswegs Naturgesetz ist, kommt in vielen behandlungen des Themas leider zu kurz.

    interessant aber auch die Erkenntnis, dass zeitgenössische bWL sich auf eine rein theoretische Sicht der Welt gründet, die die reale Entwicklung und menschliche irrationalität vollkommen ausblendet. Hinsichtlich des betriebswirtschaftlichen Primats in der deutschen Universitätlandschaft ist es dann mehr als ironisch, wenn gegenüber den Geisteswissenschaften immer behauptet wird, diese seien zu theoretisch und praxisfern.

  • 01.10.2010, 18:46 UhrAnonymer Benutzer: FS

    Sie haben meine volle Zustimmung Frau Tippelt!
    ich erhalte es für wichtig, dass Volkswirte - egal ob Theoretiker oder Praktiker - von ihrem hohen Ross runterkommen. Nur weil VWL eine "exakte" Wissenschaft ist, wird sie dadurch nicht "besser" als andere Sozialwissenschaft oder Methodologien.

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