Wissenswert

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Schweiz: Die ökonomischen Mysterien des Röstigrabens

Wie wichtig sind kulturelle Faktoren für das Ausmaß von Arbeitslosigkeit? Bislang haben Ökonomen diese Frage kaum untersucht, war es doch Jahrzehntelang unter Ökonomen verpönt, kulturelle Faktoren als Erklärung heranzuziehen. Drei Schweizer Forscher haben das Dogma auf den Prüfstand gestellt. Sie kamen zu erstaunlichen Ergebnissen.

von Hans C. Müller

DÜSSELDORF. Worin unterscheiden sich die Westschweizer von den Ostschweizern? Die einen arbeiten, um zu leben, bei den anderen ist es umgekehrt – so zumindest geht das Klischee. Die Schweizerdeutschen östlich des „Röstigrabens“, wie die Sprachgrenze liebevoll genannt wird, gelten als fleißig, aber langweilig. Die Frankophonen im Westen haben den Ruf, weniger ehrgeizig, dafür aber lebensfroher zu sein.

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Ein dreiköpfiges Schweizer Forscherteam klopft dieses Klischee in einer Studie jetzt auf seinen Realitätsgehalt ab – und untersucht, ob die Mentalitätsunterschiede Einfluss auf ökonomische Faktoren haben. Das besondere Augenmerk der Ökonomen Beatrix Brügger, Rafael Lalive (beide: Lausanne) und Josef Zweimüller (Zürich) gilt dabei der Arbeitslosigkeit.

Als eines der ersten Forscherteams ergründen die Wissenschaftler, ob es einen kausalen Zusammenhang zwischen Kultur und Arbeitslosigkeit gibt. Diese Frage haben Ökonomen bislang kaum untersucht. Jahrzehntelang war es unter Volkswirten verpönt, kulturelle Faktoren als Erklärung anzuführen. Wirtschaftliche Prozesse, so der alte Konsens, müssen auch mit wirtschaftlichen Argumenten erklärt werden. Brügger, Lalive und Zweimüller stellen dieses Dogma jetzt auf den Prüfstand. Dafür werteten die Forscher über 100 000 Datensätze aus der schweizerischen Arbeitsmarktstatistik aus.

In einem ersten Schritt überprüfen sie, ob es in der Realität auf beiden Seiten des „Röstigrabens“ überhaupt gravierende Mentalitätsunterschiede mit Blick auf das Arbeiten gibt. Ihr Ergebnis fällt positiv aus: So geben vier von fünf Ostschweizern in Umfragen an, auch dann arbeiten zu wollen, wenn sie das Geld gar nicht bräuchten. Bei den Frankophonen wäre dazu nur jeder Zweite bereit.

Auch das Verhalten bei Volksabstimmungen spricht für einen unterschiedlichen Stellenwert der Arbeit im Leben: In der Romandie, wie der westliche Teil heißt, war der Anteil der Ja-Stimmen stets höher, wenn über längere Ferien oder kürzere Arbeitszeiten abgestimmt wurde.

Doch machen sich diese unterschiedlichen Lebensphilosophien auch in Phasen der Arbeitslosigkeit bemerkbar? Hätten es sich die Forscher leichtmachen wollen, hätten sie einfach auf die Statistik verweisen können: In der Romandie war die Arbeitslosigkeit zuletzt im Schnitt fast doppelt so hoch wie im Osten. Doch als wissenschaftlich valider Beleg, dass den Frankophonen die Arbeitslosigkeit weniger ausmacht als den Nachbarn, genügt das nicht. Schließlich könnte es auch an politischen Bedingungen liegen, an der Zahl der Großbetriebe vor Ort oder am Bildungsniveau der Menschen.

Um das auszuschließen, konzentrieren sich Brügger, Lalive und Zweimüller in ihrer Analyse auf die Menschen, die in Orten in unmittelbarer Nähe des Röstigrabens leben. Abgesehen von ihrer Kultur und ihrer Sprache, so die Überlegung der Forscher, unterscheiden sich die Menschen östlich und westlich der Sprachgrenze kaum, gleichzeitig ist das Gebiet ein zusammenhängender Wirtschaftsraum. Gäbe es trotzdem Unterschiede, was das Verhalten in der Arbeitslosigkeit angeht, könne einzig und allein die Kultur dafür verantwortlich sein.

„Der Röstigraben teilt kulturelle Gruppen, aber keine Arbeitsmärkte“, argumentieren die Forscher. Wer nahe an der Grenze wohnt, finde auf beiden Seiten Arbeit – für Diskriminierungen gebe es keinerlei Anzeichen.

Dafür spreche einerseits die hohe Zahl derer, die über die Grenze zur Arbeit pendeln. Andererseits sei die Arbeitslosenquote der Ausländer, die weder zum frankophonen noch zum deutschsprachigen Kulturkreis gehören, auf beiden Seiten gleich hoch. Außerdem geht der Graben mitten durch Kantone und Städte – die Politik kann also auch nicht allein daran schuld sein. Mit einer komplexen statistischen Simulation rechneten die Forscher nun noch weitere Einflüsse wie unterschiedliche Bildungsniveaus und Ortsgrößen heraus.

Unsere empirischen Ergebnisse legen den Schluss nahe, dass Kultur die Arbeitslosigkeit stark beeinflusst“, lautet das Fazit der Forscher. Die Mentalitätsunterschiede zwischen West- und Ostschweizern sind ihrer Schätzung nach für rund 20 Prozent der durchschnittlichen Dauer der Arbeitslosigkeit verantwortlich. Der Drang, schnell einen neuen Arbeitsplatz zu finden, ist bei den Frankophonen deutlich geringer ausgeprägt: Der Anteil derer, die sich selbst einen neuen Job suchen, fällt bei ihnen viel kleiner aus als bei den Schweizerdeutschen. Die Arbeitslosen in der Romandie verlassen sich also stärker darauf, dass ihnen die Betreuer beim Arbeitsamt schon eine neue Anstellung vermitteln.

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Wie groß der Einfluss des Faktors Kultur auf den Arbeitsmarkt ist, hat die Forscher selbst überrascht. Wer in einer französischsprachigen Gemeinde lebe, sei im Schnitt sieben Wochen länger arbeitslos als ein gleichartiger Beschäftigter in einem deutschsprachigen Ort. Wer also den Arbeitsmarkt nur mit dem Tunnelblick der traditionellen Ökonomen analysiert, übersieht Entscheidendes.

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