Politik

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Pulverfass Irak: Es brennt wieder an allen Ecken des Landes

Besonders im Westen des Staates, dem Gouvernement Anbar, brodelt es. Sunniten errichten Protestcamps, blockieren Fernstraßen und liefern sich Auseinandersetzungen mit der Armee. Der Bürgerkrieg in Syrien bestärkt sie.

Aufgeheizt ist die Stimmung unter den Sunniten im Irak. Quelle: dpa
Aufgeheizt ist die Stimmung unter den Sunniten im Irak. Quelle: dpa

RamadiEin Jahr ist der Abzug der US-Truppen aus dem Irak her – doch beruhigt hat das Land noch lange nicht. Es brennt an allen Ecken. In der zunehmenden Hitze der Auseinandersetzungen zwischen Volks- und Religionsgruppen kochen Extremisten ihr eigenes Süppchen, und der Bürgerkrieg im benachbarten Syrien facht wie ein Katalysator das Feuer an. Noch können der schiitische Ministerpräsident Nuri al-Maliki und die moderaten politischen Führer der Sunniten und Kurden den Druck im Kessel kontrollieren. Doch er könnte ihnen schnell um die Ohren fliegen.

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Im Norden fordern die Kurden immer selbstbewusster ihren Anteil am Ölreichtum des Landes. Sie ignorieren den Anspruch der Zentralregierung, allein das gesamte Ölgeschäft zu kontrollieren und verkaufen das Schwarze Gold aus ihrem Autonomiegebiet auf eigene Rechnung. Im Westen begehren die Sunniten gegen die Mehrheit der Schiiten auf. Die unter dem früheren Diktator Saddam Hussein dominierende Minderheit fühlt sich heute an den Rand gedrängt und trumpft seit Dezember mit zahlreichen Protestaktionen immer lauter auf. Die schon bestehenden Spannungen werden von Radikalen auf allen Seiten geschürt, deren Forderungen bis zu Abspaltung der jeweiligen Gebiete geht. Extremisten aus dem Umfeld der Al-Kaida haben allein in den vergangenen Tagen mit zahlreichen Anschlägen Dutzende Menschen getötet und die Gräben zwischen Sunniten, Schiiten und Kurden noch weiter aufgerissen.

Attentate Mindestens 33 Tote bei Anschlägen im Irak

Bei Attentaten in Bagdad sind zahlreiche Menschen ums Leben gekommen.

Besonders im Westen des Landes, dem Gouvernement Anbar, brodelt es. Sunniten errichten Protestcamps, blockieren Fernstraßen und liefern sich Auseinandersetzungen mit der Armee. Geistliche und Stammesführer fordern in scharfen Reden Reformen, den Sturz der Zentralregierung und sogar die Abspaltung einer sunnitischen Region in der Provinz, die an Saudi-Arabien, Jordanien und Syrien grenzt. „Das ist eine Eskalation nach Jahren der Ungerechtigkeit gegen uns“, sagte Munim al-Mindil, der sich an einem Protestcamp beteiligte. „Das musste so kommen. Der ganze Druck führt letztlich zu einer Explosion.“

„Wenn sie uns noch länger ignorieren, haben wir keine andere Möglichkeit, als eine neue Regierung zu fordern“, sagte Scheich Hamid al-Schuk, ein Stammesführer aus Anbar. Der gegenwärtigen Regierung wirft er vor, sie wolle die sunnitische Identität auslöschen.

Arabische Welt

Viele Stammesführer und Abgeordnete sind besorgt, dass radikale Geistliche und Islamisten das Kommando übernehmen könnten. Zu den treibenden Kräften gehört dabei die Islamische Partei Iraks, ein Ableger der Muslimbrüder, die sich für eine sunnitische Provinz an der Grenze zu Syrien starkmacht und diese falls nötig auch mit Gewalt durchsetzen will. Zahlreiche Selbstmordanschläge in den vergangenen Tagen, auch gegen moderate Sunniten, lassen keinen Zweifel an der Entschlossenheit der Extremisten. Die Meinungsverschiedenheiten zwischen moderaten Sunniten, Stammesfürsten und Extremisten machen die Lage noch unberechenbarer. „Wir haben einen Zustand extremer Unsicherheit, sogar für irakische Verhältnisse“, sagt der Experte Ramsi Mardini von dem in Beirut ansässigen Institut für strategische Irakstudien. Er sieht darin die große Gefahr von Fehleinschätzungen und Überreaktionen.

Dazu trägt auch der Bürgerkrieg in Syrien bei. Auf Seiten der Rebellen sind Sunniten die treibende Kraft. Islamisten spielen eine immer stärkere Rolle. Sollte Syriens Präsident Baschar al-Assad stürzen, wäre dies eine deutliche Schwächung der Schiiten in der Region, einschließlich des Iran, der auch die schiitischen Parteien im Irak unterstützt.

Diese sehen die Entwicklung mit großer Sorge: „Unsere größte Furcht ist, dass das Regime in Syrien zusammenbricht“, sagte ein ranghoher schiitischer Politiker im Irak. „Dann wird am nächsten Tag eine sunnitische Region im Irak ausgerufen und der Kampf bricht aus.“

  • 11.02.2013, 08:55 Uhrneuheide

    syrien und der iran sind keine "regimen" sie sind in wahlen frei gewählt worden.
    die eu ist ein regime.
    amerika und deutschland verfügen über scheindemokratien.
    lybien hat ein regime.


    ich bitte den verfasser dieses artikels das zu berichtigen..

  • 17.02.2013, 17:49 UhrR.Ruf

    Die Destabilisierung der gesamten Region, angefangen mit dem Irak-Krieg der US-Amerikaner war ein riesengroßer Fehler, was der zukünftige US-Verteidigungsminister, der jetzt grosse Schwierigkeiten hat ein solcher zu werden, auch klar erkannt hat und zum Ausdruck brachte.
    Die Begeisterung des "Westens" für die syrische "Opposition" hat bereits deutlich nachgelassen und man muß erkennen, dass hier hauptsächlich Kämpfe der Sunniten gegen die Alawiten, Schiiten und andere statt finden.
    Ob beide Staaten der Irak und Syrien vor einer grundsätzlichen Neuordnung auch in Hinblick auf Grenzziehungen stehen und sich Suniten und Schiiten auch staatlich abgrenzen, bleibt abzuwarten, ist aber nicht völlig ausgeschlossen.

  • 17.02.2013, 18:07 UhrKenilej

    Der eingestandene "riesengroße Fehler" ist nichts anderes als eine weitere scheinheilige öffentliche Lüge. In Wahrheit war die Destabilisierung das Ziel und wer mit sich selbst beschäftigt ist, den muß man nicht fürchten..

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