Die Universität Zürich hat die mit einigem Abstand beste deutschsprachige Fakultät für Volkswirtschaftslehre, zeigt das Handelsblatt-Ranking. Hier zu Lande haben sich zwar neben der einst alleinigen Nummer eins Bonn auch München und Mannheim fest als Zentren ökonomischer Spitzenforschung etabliert; und Frankfurt wie Köln holen in großen Schritten auf. An internationale Top-Adressen kommen die Deutschen aber nicht heran - weil unser Hochschulsystem organisatorisch in den siebziger Jahren stecken geblieben ist.
Nach vier Wochen fragte der Professor mal vorsichtig nach: Ob denn das Stellenangebot an den hochkarätigen Kollegen, den seine Fakultät abwerben möchte, draußen sei, wollte er von der Universitätsverwaltung wissen. Die Antwort lässt den Mann bis heute staunen: "Wir sind noch nicht so weit", bekam er zu hören, "wir klären noch administrative Fragen zu den Pensionsansprüchen." Dummerweise hatte der Forscher, für den der Ruf bestimmt war, in der Zwischenzeit zwei Jobangebote aus dem Ausland bekommen. "Unsere Verwaltung ist derartig ineffizient organisiert, das ist ein Skandal", regt sich der Professor auf.
Solche Geschichten aus dem bürokratischen Absurdistan kann fast jeder deutsche Professor erzählen. So lästerte zum Beispiel der jüngst nach Chicago gewechselte Berliner Ökonom Harald Uhlig: Treffe man Kollegen auf dem Flur, so spreche man mit diesem nicht über Wissenschaft, sondern darüber, "dass man vergessen hat, den Schwerbehindertenbeauftragten in eine Berufungskommissionssitzung einzuladen oder dass man noch irgendwem das neue Modul für den Bachelor-Studiengang erklären muss". Der Innsbrucker Ökonom Matthias Sutter, der bis 2006 in Köln tätig war, betont: "Bei der Verwaltungsbelastung kann man staunen, dass es Professoren in Deutschland gibt, die überhaupt noch zum Forschen kommen."
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Welche Folgen all dies für die Qualität der wissenschaftlichen Forschung hat, zeigt das Handelsblatt-Ökonomenranking exemplarisch am Beispiel der Volkswirtschaftslehre (VWL): Neun der 27 besten deutschsprachigen VWL-Fakultäten befinden sich nicht in der Bundesrepublik, sondern in der Schweiz und in Österreich.
Vor allem in der Schweiz verfügen die Universitäten nicht nur über mehr Geld - sie sind auch besser organisiert. So berichtet die Wirtschaftsweise Beatrice Weder di Mauro, die 2001 aus Basel an die Uni Mainz gewechselt ist: "In Deutschland brauche ich zwingend ein Sekretariat, das die Bürokratie bewältigt. In Basel bin ich ohne ausgekommen." Und der deutsche Ökonom Christian Ewerhart, der seit einigen Jahren in Zürich arbeitet, erzählt: "Die Ausstattung und Unterstützung orientiert sich bei uns an den tatsächlichen Erfordernissen der Forschergruppen und weniger an der aktuellen Kassenlage. Man fühlt sich ein wenig so wie in einem Unternehmen." Das beflügelt Zürich gleich doppelt. Zum einen zieht es die besten Forscher überproportional häufig in die Schweiz. Zum anderen kann jeder Spitzenforscher dort dank des besseren Arbeitsumfelds sein Potenzial voll entfalten.
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Die Uni Zürich ist daher die mit Abstand beste deutschsprachige Adresse für VWL. Ihre Ökonomen haben seit 1997 gut 20 Prozent mehr in internationalen Journalen publiziert als ihre Kollegen aus Bonn und München. Auch pro Kopf betrachtet ist ein Professor in Zürich deutlich produktiver. Das Handelsblatt-Ranking analysiert die Publikationsleistung aller 1 200 im deutschsprachigen Raum tätigen Wissenschaftler. Methodisch orientiert sich die Studie an international etablierten Standards zur Evaluierung ökonomischer Forschung. Das Ranking der Fakultäten erstellte das Handelsblatt mit Unterstützung des Thurgauer Wirtschaftsinstituts (TWI) an der Universität Konstanz.
Für die deutsche VWL fällt das Ergebnis des Rankings zwiegespalten aus. Zum einen zeigen die in der vergangenen Woche veröffentlichten Ergebnisse für die Einzelforscher: Die Qualität der ökonomischen Forschung ist seit den frühen neunziger Jahren deutlich gestiegen; immer mehr Volkswirte arbeiten auf internationalem Niveau. Neben der einst alleinigen Nummer eins Bonn haben sich München und Mannheim fest als Zentren ökonomischer Spitzenforschung etabliert; Frankfurt und Köln holen in großen Schritten auf. Und weitere Fachbereiche haben Ambitionen: "Wir wollen in der VWL wie in der BWL dauerhaft zu den zehn forschungsstärksten deutschen Universitäten gehören", sagt etwa Stefan Helber, Dekan der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät Hannovers.
Trotz aller Fortschritte kommen die besten deutschen VWL-Fakultäten aber nicht an die internationalen Top-Adressen heran. "Studien, die auch nur einen einzigen deutschen VWL-Fachbereich unter den weltweit ersten 50 einsortieren, sind selten", schreibt Harald Uhlig in einem Konzeptpapier zur Qualität der deutschen VWL. Nicht die mangelnde wissenschaftliche Qualität, sondern administrative, rechtliche und finanzielle Hürden sind der Hauptgrund dafür. Die ambitionierten Universitäten, deren beste Professoren sich heute auf Augenhöhe mit international führenden Kollegen befinden, sind Gefangene der Bürokratie und einer zerfaserten Hochschullandschaft mit vielen kleinen und mittelgroßen Fakultäten, aber keiner wirklich großen.
Organisatorisch und strukturell befinden sich die Universitäten noch in den siebziger Jahren. Verwaltungstätigkeiten binden die Energie ihres wissenschaftlichen Personals. Im internationalen Wettbewerb um die klügsten Köpfe des Fachs haben deutsche Fakultäten daher schlechte Karten - vom Gehalt über die Lehrverpflichtungen bis hin zur Administration ist ein Professorenjob in Deutschland unattraktiv. Das alles verschreckt ehrgeizige, forschende Nachwuchswissenschaftler. "Der Arbeitsmarkt für akademische Volkswirte ist heute globalisiert", sagt der Kölner Ökonom Clemens Fuest.
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Personell tritt die deutsche Ökonomie dadurch zunehmend auf der Stelle. "Wir jagen uns die besten Forscher gegenseitig ab", berichtet Hans Peter Grüner aus Mannheim. Ambitionierte Nachwuchsforscher - demnächst zum Bespiel Thomas Dohmen und Uwe Sunde aus Bonn - verabschieden sich ins Ausland, nur selten kommen Top-Ökonomen später zurück. "Entscheidend für die Entwicklung unserer gesamten Uni-Landschaft wird sein, ob es uns gelingt, international konkurrenzfähige Gehälter und Arbeitsbedingungen bieten zu können", sagt Grüner.
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Ein zentrales Problem ist, dass deutsche Fakultäten zu klein sind. Die größten haben zwischen 15 und 20 Professoren - im Ausland sind es oft doppelt so viele oder mehr. "Gute Leute, denen sie ein Angebot machen, schauen immer: Gibt es da andere gute Forscher, mit denen ich gerne zusammenarbeiten möchte?" sagt Grüner. Selbst Köln, die personalstärkste wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Fakultät des Landes, leidet unter der zu geringen Größe. "Viele gute Leute aus dem Ausland wollen nicht kommen, weil sie das Gefühl haben, hier sind sie in ihrem Fachgebiet mutterseelenallein auf weiter Flur", erzählt Fuest. Die Kölner Volkswirte wollen 2008 versuchen, diesem Dilemma zu entkommen. Dann gehen drei Professoren gleichzeitig in den Ruhestand. "Wir wollen die Stellen im Paket ausschreiben", so Fuest. Dann könnte man vielleicht Forscher, die im Ausland verstreut sitzen, dazu bewegen, gemeinsam nach Köln zu kommen.
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Mit solchen kreativen Ideen versuchen alle führenden deutschen VWL-Fakultäten, ihren Wettbewerbsnachteil abzuschwächen. Doch viele Reformvorschläge bleiben im öffentlichen Dienstrecht stecken, versanden in der Ministerialbürokratie oder scheitern an internen Widerständen.
Ein Beispiel dafür, wie schwer Reformen umzusetzen sind, erleben die Volkswirte der Uni Mannheim. Um bei der Personalstärke der kritischen Masse an Forschern näher zu kommen, würden sie gerne einen Teil der bisher stets befristet vergebenen Assistentenstellen in zusätzliche und unbefristete Professorenstellen umwandeln. Doch über die Details des Plans laufen seit langem zähe Verhandlungen mit dem Wissenschaftsministerium.
Immerhin, die Exzellenzinitiative von Bund und Ländern geht in die richtige Richtung. Nachdem die Münchener Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) den Status einer "Elite-Universität" erlangt hat, ist dort eine neue Flexibilität in der Personalpolitik möglich; zum Beispiel so genannte "proaktive Berufungen". Die LMU kann Top-Forscher, die auf dem Arbeitsmarkt verfügbar sind, auch dann einstellen, wenn gerade kein Lehrstuhl vakant ist. Professoren-Ehepaaren, die gemeinsam auf Jobsuche sind, kann die LMU bessere Angebote machen. Bei der Bezahlung "wird es künftig Elemente geben, die im deutschen Beamtenrecht bislang unmöglich gewesen sind", sagt der Münchener Spieltheoretiker Klaus M. Schmidt. "Wir können deutlich kompetitivere Gehälter zahlen."
Unterschiede bei Gehalt und Arbeitsbedingungen, die an deutschen Fakultäten teilweise den Neid der Kollegen provozieren, sind im Ausland gang und gäbe - wer besonders erfolgreich publiziert, bekommt Boni und muss seltener im Hörsaal stehen. Hier zu Lande ist so etwas die ganz große Ausnahme. Der Kölner Ökonomie-Professor Axel Ockenfels konnte durchsetzen, dass er sich mit dem Geld aus einem hochdotierten Forschungspreis einen Wissenschaftler anstellt, der für ihn die Vorlesungen hält. Aber im Januar 2006 betonte der damalige Kölner Dekan Norbert Herzig im "Handelsblatt":"Ockenfels ist ein Einzelfall." Eine generelle Abkehr davon, dass alle Professoren gleich viel Veranstaltungen halten müssen, sei problematisch. Doch gerade die acht bis neun Semesterwochenstunden Lehrverpflichtungen schrecken Forscher aus dem Ausland ab. "Das schockiert die Leute richtig", berichtet Grüner. Denn gute Forscher müssend dort oft weniger als halb so viel unterreichten.
Dass man mit sehr guten Konditionen wirkliche Spitzenkräfte anziehen kann, zeigt Frankfurt am Main. Ausgestattet mit viel Geld von der Stiftung "Geld und Währung", holte die Fakultät die Top-Forscher Roman Inderst von der LSE
und Stefan Gerlach aus Basel; im April 2008 folgt Thomas Laubach von der amerikanischen Fed. Dank Inderst und Gerlach hat sich die Uni im Ranking 2007 auf Platz fünf nach vorne gearbeitet und die HU Berlin überholt. Unangenehme Folgen hatte Frankfurts Einkaufstour dagegen für die Baseler VWL-Fakultät: Die Schweizer stürzen durch Gerlachs Weggang von Rang 13 auf Rang 18.
