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01.01.2007 
Handelsblatt Ranking Volkswirtschaftslehre (VWL)

Jugend forscht

von Olaf Storbeck

Eine Reihe junger Elite-Ökonomen aus Deutschland macht international Furore. Das Handelsblatt stellt sie vor.

Purer Zufall, dass der Mann überhaupt Volkswirt geworden ist. „Ich wusste nicht, was ich studieren wollte“, erzählt der 37-jährige Patrick Schmitz. „In meinem ersten Semester an der Uni Bonn habe ich mir auch Informatik- und Mathematikvorlesungen anhört.“ Irgendwie geriet er auch in eine Einführungsvorlesung des VWL-Doyen Werner Hildenbrand – und die hat ihn so sehr fasziniert, dass ihn das Fach seitdem nicht mehr losgelassen hat.

Und das ist gut so. Der auf Kontrakttheorie spezialisierte Wissenschaftler – seit April VWL-Professor in Köln – ist der mit Abstand forschungsstärkste Volkswirt seiner Generation. Das zeigt eine Sonderauswertung des Handelsblatt-Ökonomen-Rankings für Volkswirte, die jünger sind als 40 Jahre. Schmitz schafft es als Einziger seiner Altersklasse sogar schon in die » Top 25 aller deutschen Forscher.


Tabelle  Die Top-100-Liste der Unter-Vierzigjährigen


Für die Studie hat das Handelsblatt Literaturverzeichnisse von mehr als 900 Forschern an gut 90 Unis und Instituten in Deutschland, Österreich und der deutschsprachigen Schweiz ausgewertet. Die Methodik folgt internationalen Standards zur Evaluierung ökonomischer Forschung. Gezählt wurden Aufsätze in den 182 wichtigsten internationalen Fachzeitschriften. Die Qualität der Journale wurde anhand von zwei etablierten Studien bewertet.

Die Ergebnisse machen deutlich: In den vergangenen Jahren ist in Deutschland eine Generation junger Elite-Ökonomen herangewachsen – undogmatisch, international denkend und weltweit wettbewerbsfähig. Ganz selbstverständlich schreiben sie ihre Arbeiten in Englisch, regelmäßig bringen sie diese in den weltweit besten Fachzeitschriften unter. Viele wichtige Fachbereiche der VWL sind in der Top 10 der Untervierzigjährigen vertreten: Neben den klassischen Disziplinen mikro- und makroökonomische Theorie sowie Finanzwissenschaft gehört auch die Umwelt- und Regionalökonomie dazu. Gleich drei der jungen Wilden haben sich auf experimentelle Wirtschaftsforschung spezialisiert – ein junges Fach, das derzeit boomt.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: US-Universitäten versuchen, die besten Nachwuchskräfte abzuwerben

Die forschungsstärksten Volkswirte des deutschsprachigen Raumes unter 40 Jahren. Lupe

Die forschungsstärksten Volkswirte des deutschsprachigen Raumes unter 40 Jahren.

Hinter ihren US-Kollegen brauchen sich all diese Forscher nicht zu verstecken – ganz anders als viele ihrer älteren Kollegen, die oftmals nicht den Anschluss an internationale Wissenschaftsstandards gefunden haben. Lässt man das Alter außen vor, hat jeder vierte deutsche VWL-Professor in seiner Karriere keinen einzigen Aufsatz in den betrachteten Zeitschriften veröffentlicht.

Die junge Garde der deutschen Ökonomie ist dagegen auch für die besten US-Fakultäten interessant. Gezielt werben diese den deutschen Spitzennachwuchs ab. Sie locken mit geringeren Lehrverpflichtungen, weniger Bürokratie, der Nähe zu anderen Top-Forschern und nicht zuletzt mit mehr Geld. So wechselt Dirk Krüger von der Uni Frankfurt, der im Handelsblatt-Ranking für die Untervierzigjährigen auf dem zwölften Platz liegt, im Januar an die renommierte University of Pennsylvania. Der Makroökonom Felix Kübler ist schon seit Anfang September dort. Der 36-Jährige, zuvor Professor in Mannheim, läge mit 7,37 Punkten auf Platz drei der Nachwuchs-Top-10. Vielleicht ist Kübler für den Wissenschaftsstandort Deutschland noch nicht ganz verloren – ein Jahr lang hat er eine Rückkehroption nach Mannheim. Auch der Kölner Experimentalökonom Axel Ockenfels hatte mehrfach Angebote ausländischer Top-Fakultäten, die er bislang aber stets ablehnte.

Eines ist an der Top 10 der Untervierzigjährigen bemerkenswert: Die meisten Nachwuchsstars haben ihre Ausbildung weitgehend an deutschsprachigen Universitäten absolviert. Offenbar hat es hier zu Lande bei der Nachwuchsförderung einige Fortschritte gegeben hat – die Zeiten, in denen man Deutschland als junger Volkswirt für eine wettbewerbsfähige Ausbildung besser verlassen sollte, sind vorbei.

„Wer bei uns promoviert, ist nicht verloren“, sagt Urs Schweizer, Sprecher der Bonn Graduate School of Economics (BGSE), mit einem Augenzwinkern. Das 1977 gegründete Doktorandenprogramm ist die mit Abstand wichtigste ökonomische Kaderschmiede des Landes: Von den 100 forschungsstärksten Ökonomen Deutschlands haben 22 in Bonn promoviert oder habilitiert – darunter drei der zehn derzeitigen Jungstars. „Allein unsere ehemaligen Doktoranden bringen in der Handelsblatt-Studie mehr Publikationen auf die Waage als München und Mannheim zusammen“, sagt Schweizer. Erfolgsrezept der BGSE sei es, „eine kleine Gruppe hoch begabter Studenten früh zu fördern“.

Wenn BGSE-Absolventen über ihre Zeit in Bonn erzählen, geraten sie regelmäßig ins Schwärmen – über das erstklassige Lehrpersonal, kleine Seminare auf höchstem Niveau und intensive Diskussionen zwischen den Doktoranden. „Das Forschungsumfeld in Bonn ist schlichtweg großartig“, sagt der an der BGSE ausgebildete Patrick Schmitz.

Inzwischen haben zahlreiche deutsche Hochschulen das Bonner Konzept kopiert. Und die BGSE hat es im Exzellenzwettbewerb von Bund und Ländern in die Endauswahl geschafft – Mitte Oktober entscheidet sich, ob sie eine der extra geförderten Elite-Einrichtungen wird. Wenn ja, wollen die Bonner mit ihrer Doktorandenausbildung schon nach dem Bachelor beginnen. Heute geht es erst nach dem Diplom bzw. Master los.

Hochkarätige Doktorandenprogramme sind eine entscheidende Voraussetzung dafür, dass die deutsche Wirtschaftswissenschaft ihre in der Breite nach wie vor geringe internationale Wettbewerbsfähigkeit erhöhen kann. Denn Studenten, die zur Promotion in die USA gehen und sich einmal an die besseren Forschungsbedingungen gewöhnt haben, sind später kaum zur Rückkehr nach Deutschland zu bewegen.

„Wir können in Europa nicht Harvard oder Chicago nachbauen“, sagt Jacques Drèze, Gründungsvater der European Economic Association (EEA) – dafür seien die Budgets der amerikanischen Elite-Unis einfach zu hoch. „Aber wir können die Qualität der amerikanischen Doktorandenprogramme nachbauen“, betonte der 77-jährige belgische Ökonom jüngst auf der EEA-Jahrestagung in Wien. „Für eine gute ökonomische Ausbildung braucht man keine Nobelpreisträger.“


Tabelle  Die Top-100-Liste der Unter-Vierzigjährigen


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