Hinter ihren US-Kollegen brauchen sich all diese Forscher nicht zu verstecken – ganz anders als viele ihrer älteren Kollegen, die oftmals nicht den Anschluss an internationale Wissenschaftsstandards gefunden haben. Lässt man das Alter außen vor, hat jeder vierte deutsche VWL-Professor in seiner Karriere keinen einzigen Aufsatz in den betrachteten Zeitschriften veröffentlicht.
Die junge Garde der deutschen Ökonomie ist dagegen auch für die besten US-Fakultäten interessant. Gezielt werben diese den deutschen Spitzennachwuchs ab. Sie locken mit geringeren Lehrverpflichtungen, weniger Bürokratie, der Nähe zu anderen Top-Forschern und nicht zuletzt mit mehr Geld. So wechselt Dirk Krüger von der Uni Frankfurt, der im Handelsblatt-Ranking für die Untervierzigjährigen auf dem zwölften Platz liegt, im Januar an die renommierte University of Pennsylvania. Der Makroökonom Felix Kübler ist schon seit Anfang September dort. Der 36-Jährige, zuvor Professor in Mannheim, läge mit 7,37 Punkten auf Platz drei der Nachwuchs-Top-10. Vielleicht ist Kübler für den Wissenschaftsstandort Deutschland noch nicht ganz verloren – ein Jahr lang hat er eine Rückkehroption nach Mannheim. Auch der Kölner Experimentalökonom Axel Ockenfels hatte mehrfach Angebote ausländischer Top-Fakultäten, die er bislang aber stets ablehnte.
Eines ist an der Top 10 der Untervierzigjährigen bemerkenswert: Die meisten Nachwuchsstars haben ihre Ausbildung weitgehend an deutschsprachigen Universitäten absolviert. Offenbar hat es hier zu Lande bei der Nachwuchsförderung einige Fortschritte gegeben hat – die Zeiten, in denen man Deutschland als junger Volkswirt für eine wettbewerbsfähige Ausbildung besser verlassen sollte, sind vorbei.
„Wer bei uns promoviert, ist nicht verloren“, sagt Urs Schweizer, Sprecher der Bonn Graduate School of Economics (BGSE), mit einem Augenzwinkern. Das 1977 gegründete Doktorandenprogramm ist die mit Abstand wichtigste ökonomische Kaderschmiede des Landes: Von den 100 forschungsstärksten Ökonomen Deutschlands haben 22 in Bonn promoviert oder habilitiert – darunter drei der zehn derzeitigen Jungstars. „Allein unsere ehemaligen Doktoranden bringen in der Handelsblatt-Studie mehr Publikationen auf die Waage als München und Mannheim zusammen“, sagt Schweizer. Erfolgsrezept der BGSE sei es, „eine kleine Gruppe hoch begabter Studenten früh zu fördern“.
Wenn BGSE-Absolventen über ihre Zeit in Bonn erzählen, geraten sie regelmäßig ins Schwärmen – über das erstklassige Lehrpersonal, kleine Seminare auf höchstem Niveau und intensive Diskussionen zwischen den Doktoranden. „Das Forschungsumfeld in Bonn ist schlichtweg großartig“, sagt der an der BGSE ausgebildete Patrick Schmitz.
Inzwischen haben zahlreiche deutsche Hochschulen das Bonner Konzept kopiert. Und die BGSE hat es im Exzellenzwettbewerb von Bund und Ländern in die Endauswahl geschafft – Mitte Oktober entscheidet sich, ob sie eine der extra geförderten Elite-Einrichtungen wird. Wenn ja, wollen die Bonner mit ihrer Doktorandenausbildung schon nach dem Bachelor beginnen. Heute geht es erst nach dem Diplom bzw. Master los.
Hochkarätige Doktorandenprogramme sind eine entscheidende Voraussetzung dafür, dass die deutsche Wirtschaftswissenschaft ihre in der Breite nach wie vor geringe internationale Wettbewerbsfähigkeit erhöhen kann. Denn Studenten, die zur Promotion in die USA gehen und sich einmal an die besseren Forschungsbedingungen gewöhnt haben, sind später kaum zur Rückkehr nach Deutschland zu bewegen.
„Wir können in Europa nicht Harvard oder Chicago nachbauen“, sagt Jacques Drèze, Gründungsvater der European Economic Association (EEA) – dafür seien die Budgets der amerikanischen Elite-Unis einfach zu hoch. „Aber wir können die Qualität der amerikanischen Doktorandenprogramme nachbauen“, betonte der 77-jährige belgische Ökonom jüngst auf der EEA-Jahrestagung in Wien. „Für eine gute ökonomische Ausbildung braucht man keine Nobelpreisträger.“
Die Top-100-Liste der Unter-Vierzigjährigen
