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21.11.2005 
Deutsches Schulsystem

Das große Einmaleins der Ungerechtigkeit

von Olaf Storbeck

Der Chef der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) griff zu kräftigen Worten: Die "starke Benachteiligung von Arbeiter- und Migrantenkindern ist Achillesferse und Schandfleck des deutschen Schulsystems", schimpfte Ulrich Thöne Anfang November. Denn die soziale Herkunft, das unterstrichen neue Pisa-Ergebnisse, entscheidet in Deutschland deutlich stärker als in anderen Ländern über den Schulerfolg von Kindern.

HB DÜSSELDORF. Ein Wissenschaftlerteam um Ludger Wößmann hat jetzt die Ursachen für das Chancengefälle analysiert. Wößmann ist Bildungsökonom am Münchener Ifo-Institut und hat sich international hohes Renommee erworben: Er ist der deutsche Wirtschaftswissenschaftler, dessen Arbeiten in der Onlinedatenbank Repec in den vergangenen zwölf Monaten am häufigsten heruntergeladen wurden.

Eines der zentralen Ergebnisse der Studie, die 2006 im international angesehenen "Economic Journal" publiziert wird: Die frühe Aufteilung der Klassen in unterschiedliche Leistungsgruppen bereits nach dem vierten Schuljahr ist ein Hauptgrund dafür, dass der Schulerfolg von Kindern in Deutschland besonders stark von Geldbeutel und Bildungsniveau der Eltern abhängt. "Jedes Jahr, um das die Selektion von Schülern in verschiedene Schulformen aufgeschoben wird, verringert die Stärke des familiären Einflusses auf die Leistungen", fassen die Forscher ihre Resultate im neusten "Ifo Schnelldienst" zusammen.

Die Untersuchung der Bildungsökonomen basiert nicht nur auf den Daten der Pisa-Studie. Sie beziehen auch noch Ergebnisse zahlreicher anderer internationaler Tests ein, bei denen sowohl die Leseleistung als auch das Können in Mathematik und Naturwissenschaften von Schülern unterschiedlicher Jahrgangsstufen geprüft wurden. Als Indikator für den familiären Hintergrund der Schüler nutzen die Wissenschaftler eine auch unter Soziologen gängige Größe: die Zahl der Bücher im Elternhaus. Denn diese hängt in aller Regel eng mit Bildungsniveau und Einkommen zusammen. Zudem können Kinder die Frage, wie viele Bücherregale es zu Hause gibt, einfacher beantworten als die, was Papa und Mama für einen Bildungsabschluss haben oder an Gehalt nach Hause bringen.

Die Auswertung zeigt: Ein deutsches Kind, dessen Eltern nur ein Regal voller Bücher haben, schneidet deutlich schlechter ab als eines, wo zu Hause doppelt so viel Literatur vorhanden ist. Der Leistungsunterschied ist etwas größer als der zwischen einem Siebt- und einem Achtklässler. Zwischen beiden Kindern liegt "also etwas mehr als das, was Schüler durchschnittlich in einem ganzen Schuljahr lernen", betonen die Autoren. Noch größer ist die Kluft nur in England, Schottland und Ungarn. Deutlich geringer ist sie dagegen in Frankreich, Kanada und Portugal.

Aber wird dieses Phänomen tatsächlich durch die frühe Mehrgliedrigkeit des deutschen Schulsystems verursacht? Um das herauszufinden, analysieren die Forscher, ob und wie sich die Ungleichheit im Laufe der Schulzeit verändert. Der Clou dabei: In allen Ländern gehen die Kinder in ihren ersten vier Schuljahren in die gleiche Schule, danach erst werden sie in einigen Staaten wie Deutschland aufgeteilt. Das Leistungsgefälle auf Grund der sozialen Herkunft ist in der vierten Klasse also noch unabhängig von der Ein- oder Mehrgliedrigkeit des Schulsystems. Dieses "generelle Niveau an Ungleichheit" rechnen die Forscher aus ihren Daten heraus - und können so betrachten, wie sich das Phänomen in den folgenden Schuljahren verändert.

Für Deutschland zeigt sich: In der vierten Klasse ist die Kluft zwischen Schülern mit reichen und armen Eltern im internationalen Vergleich noch nicht übermäßig ausgeprägt. Danach aber divergieren die Leistungen rasant: "Deutschland erweist sich als das Land, in dem die Ungleichheit zwischen dem Ende der Grundschule und dem Ende der Mittelstufe am stärksten von allen betrachteten Ländern ansteigt", heißt es in der Studie. Andererseits führe die Aufteilung in Hauptschule, Realschule und Gymnasium nicht dazu, dass das durchschnittliche Leistungsniveau der Schüler steige.

Trotz allem kommt die deutsche Gesamtschule bei den Forschern nicht gut weg. Womöglich, so warnen sie, mache sie alles noch schlimmer. Denn hier zu Lande trete die Gesamtschule neben bereits bestehende Schultypen. Dadurch sei "im Zweifelsfall eine noch stärkere spezifische Selektion der Schüler auf unterschiedliche Schultypen gegeben". Die Forscher betonen: Gesamtschulen verringern die Ungleichheit nur in einem eingliedrigen System, "das nicht so früh wie in Deutschland in unterschiedliche Schultypen selektiert".

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