Aber wird dieses Phänomen tatsächlich durch die frühe Mehrgliedrigkeit des deutschen Schulsystems verursacht? Um das herauszufinden, analysieren die Forscher, ob und wie sich die Ungleichheit im Laufe der Schulzeit verändert. Der Clou dabei: In allen Ländern gehen die Kinder in ihren ersten vier Schuljahren in die gleiche Schule, danach erst werden sie in einigen Staaten wie Deutschland aufgeteilt. Das Leistungsgefälle auf Grund der sozialen Herkunft ist in der vierten Klasse also noch unabhängig von der Ein- oder Mehrgliedrigkeit des Schulsystems. Dieses "generelle Niveau an Ungleichheit" rechnen die Forscher aus ihren Daten heraus - und können so betrachten, wie sich das Phänomen in den folgenden Schuljahren verändert.
Für Deutschland zeigt sich: In der vierten Klasse ist die Kluft zwischen Schülern mit reichen und armen Eltern im internationalen Vergleich noch nicht übermäßig ausgeprägt. Danach aber divergieren die Leistungen rasant: "Deutschland erweist sich als das Land, in dem die Ungleichheit zwischen dem Ende der Grundschule und dem Ende der Mittelstufe am stärksten von allen betrachteten Ländern ansteigt", heißt es in der Studie. Andererseits führe die Aufteilung in Hauptschule, Realschule und Gymnasium nicht dazu, dass das durchschnittliche Leistungsniveau der Schüler steige.
Trotz allem kommt die deutsche Gesamtschule bei den Forschern nicht gut weg. Womöglich, so warnen sie, mache sie alles noch schlimmer. Denn hier zu Lande trete die Gesamtschule neben bereits bestehende Schultypen. Dadurch sei "im Zweifelsfall eine noch stärkere spezifische Selektion der Schüler auf unterschiedliche Schultypen gegeben". Die Forscher betonen: Gesamtschulen verringern die Ungleichheit nur in einem eingliedrigen System, "das nicht so früh wie in Deutschland in unterschiedliche Schultypen selektiert".
