Deutsche Volkswirte müssen viel zu lange auf ihre erste Berufung zum Professor warten, zeigt eine Studie. Das macht die akademische Laufbahn unattraktiv.
Das wissenschaftliche Niveau in der deutschen Volkswirtschaftslehre ist in den vergangenen Jahrzehnten rasant gestiegen. Das ist das Fazit einer wissenschaftlichen Studie der Ökonomen Heinrich Ursprung und Michael Rauber. Die beiden Forscher von der Universität Konstanz haben untersucht, wie sich die Publikationsleistung deutscher Ökonomen im Verlauf ihrer gesamten Karriere verändert.
Sie stellen fest: Die Produktivität junger Ökonomen ist deutlich gestiegen. Ein Jungforscher, dessen Publikationsleistung heute dem Durchschnitt entspricht, hätte vor 35 Jahren mit dem gleichen Output zu den besten zehn Prozent seiner Kollegen gehört. Ein Topökonomen, der zwischen 1969 und 1974 promovierte und besser war als vier Fünftel seiner Altersgruppe, brauchte 18 Jahre, um eine Publikationsleistung zu erbringen, die einem Aufsatz im „American Economic Review“ (AER) entspricht. Wer zwischen 1993 und 1998 promovierte und zu den produktivsten 20 Prozent seiner Generation gehört, brauchte dafür weniger als vier Jahre.
Wie das Handelsblatt-Ranking der forschungsstärksten Ökonomen unter 40 Jahren zeigt, bringt es die Nummer eins dieser Gruppe – der Kölner Patrick Schmitz – seit Beginn seiner wissenschaftlichen Karriere sogar fast auf einen vollen AER-Artikel pro Jahr.
Der Konstanzer Ökonom Heinrich Ursprung, in Deutschland auf dem Gebiet der Forschungsevaluation für Ökonomen führend, zeigt zudem: Die jungen Talente in der deutschen Ökonomie müssen zu lange auf ihre erste Berufung zum Professor warten. Das schmälere die Attraktivität der akademischen Laufbahn unnötig.
In den USA vergehen zwischen Promotion und erster voller Professorenstelle im Schnitt sechs Jahre – hier zu Lande sind es laut Studie dagegen acht. Ein deutscher Ökonom ist im Mittel 38 Jahre alt, wenn er seinen ersten Ruf zum Professor erhält.
Rauber und Ursprung, die die Publikationsleistung von 600 deutschen Professoren aller Altersgruppen untersuchten, fanden heraus: Auch nach sechs Jahren kann man schon sehr zuverlässig sagen, wer künftig wissenschaftlich zur Spitze gehören wird. Nur 14 Prozent derer, die nach sechs Jahren zum besten Fünftel ihrer Altersgruppe gehörten, waren nach weiteren sechs Jahren nicht mehr in der Spitzengruppe zu finden.
Die Sorge, dass viel versprechende Jungforscher mit ihrem Engagement stark nachlassen, wenn sie auf Lebenszeit berufen sind, ist also meist unbegründet. Bei den Spitzenleuten unter den jungen Ökonomen könne man sogar nach vier Jahren schon mit einiger Sicherheit davon ausgehen, dass sie auch als Professoren zur Elite gehören.
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Umgekehrt gilt: Eine Fakultät, die einen Jungforscher beruft, der sich bisher nicht mit herausragendem Publikationserfolg schmücken kann, darf kaum hoffen, dass nach dessen Berufung schlummernde Potenziale wach werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein neu berufener forschungsschwacher Professor in den ersten sechs Jahren seiner Ordinarien-Laufbahn in die obersten 40 Prozent aufsteigt, beträgt nur etwa vier Prozent. Obwohl sich mit Blick auf alle Professoren die Produktivität eines Forschers im Laufe seines Lebens nur geringfügig ändert – im Detail gibt es durchaus erhebliche Unterschiede.
Bei den unterdurchschnittlich produktiven Wissenschaftlern ist die Datengrundlage zu gering, um verlässliche Aussagen über den Trend im Zeitablauf treffen zu können. Denn das durchschnittliche Lebenswerk aller betrachteten Professoren entspricht nur dem Äquivalent von etwa einem halben AER-Aufsatz. In einem beliebigen Jahr des Untersuchungszeitraums haben drei Viertel der Professoren keinen Aufsatz veröffentlicht.
Bei den mittelguten bis leicht überdurchschnittlichen Forschern fällt der Forschungsoutput im Verlauf ihrer Karriere dagegen deutlich ab. Womöglich schmälert bei dieser Gruppe der abfallende Performance-Druck nach der Berufung auf Lebenszeit die Leistungsbereitschaft. Hinzu kommen die zeitintensiven Lehrverpflichtungen und die Uni-Bürokratie.
Bei den Spitzenforschern dagegen bleibt der Output über das gesamte Leben mehr oder weniger konstant hoch. Allerdings verschiebt sich bei ihnen die Struktur der Arbeiten. Zu Anfang ihrer Karriere konzentrieren sie sich auf wenige Forschungsprojekte, auf die sie viel Mühe verwenden. Das führt zu längeren Artikeln, die in besseren Zeitschriften erscheinen. In dieser Phase arbeiten die Top-Leute allein oder mit wenigen Koautoren. Später beschäftigen sie sich mit mehr Projekten, in die sie weniger Anstrengung investieren und die sie mit mehr Koautoren realisieren.
Auch nach Geschlechtern haben die beiden Forscher ihre Datenbank ausgewertet. Sie stellten fest: Frauen, die nur 15 Prozent der untersuchten Forscher stellen, publizieren im Durchschnitt deutlich weniger als Männer. Dies beruhe aber nicht darauf, dass Frauen weniger gute Wissenschaftler wären. Der einzige Grund ist, dass überdurchschnittlich viele akademische Volkswirtinnen gar nicht forschen. Diejenigen, die wissenschaftlichen Output auf einem gewissen Mindeststandard produzieren, sind genauso produktiv wie ihre männlichen Kollegen.
