Sie sind teuer und bringen wenig bis gar nichts - staatliche Programme zur Förderung der Beschäftigung. Eine neue Studie der Universität St. Gallen kommt für Deutschland sogar zu dem Ergebnis: Wer im Rahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik gefördert wird, ist mitunter sogar länger arbeitslos.
Dreizehn Milliarden Euro – soviel gibt die deutsche Wirtschaftspolitik derzeit pro Jahr für Beratung und Weiterbildung von Arbeitslosen aus. Mit gut 60 Förderprogrammen versucht der Staat, die Arbeitsmarkt-Chancen der Menschen ohne Job zu verbessern. Angesichts von mehr als 3,5 Millionen Arbeitslosen keine schlechte Idee, möchte man meinen.
Ökonomen jedoch, die die Wirkungen aktiver Arbeitsmarktpolitik untersuchen haben, lassen an ihnen kaum ein gutes Haar. „Der umfangreiche und intransparente Katalog der Maßnahmen könnte deutlich gekürzt werden, ohne Einbußen bei der Wirksamkeit der Instrumente befürchten zu müssen“, schreiben die Ökonomen Werner Eichhorst und Klaus Zimmermann vom Institut zur Zukunft der Arbeit in einer vor kurzem veröffentlichten Studie. Danach fließt nur etwas mehr als jeder vierte Euro in Maßnahmen, für die eine positive Wirkung auf die Beschäftigungschancen der Geförderten nachweisbar ist.
Selbst dieses ernüchternde Urteil ist womöglich noch zu optimistisch, legt eine neue Studie der Universität St. Gallen nahe. Die Ökonomen Conny Wunsch und Michael Lechner haben der aktiven Arbeitsmarktpolitik der Jahre 2000 bis 2002 in Deutschland den Zahn gefühlt.
„Alle Programme scheitern daran, innerhalb von 2,5 Jahren die Chancen der Teilnehmer zu verbessern, eine normale, nicht subventionierte Arbeit zu finden“, so das vernichtende Fazit der Forscher. In vielen Fällen verlängere aktive Arbeitsmarktpolitik sogar die Arbeitslosigkeit, weil sie Arbeitslose davon abhält, einen normalen Job zu suchen und zu finden.
Basis der Studie sind Daten des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Die Denkfabrik der Bundesagentur für Arbeit erhebt seit 1990 Informationen über zwei Prozent aller deutschen Arbeitnehmer. Die Forscher kennen Ausbildung und Qualifikation der betrachteten Personen sowie ihre Einkommensentwicklung und Arbeitgeber. Zudem geht aus den Daten hervor, ob und an welchen Arbeitsmarkt-Programmen sie teilgenommen haben.
Das ermöglicht es den Forschern nicht nur, auf der Ebene einzelner Arbeitsloser nachzuvollziehen, wie sich die Erwerbsbiographie nach der Teilnahme an einem Förderprogramm entwickelt hat. Noch wichtiger ist: Die Forscher konnten eine Art „künstliche Kontrollgruppe“ konstruieren. Darin enthalten waren Arbeitslose, die nicht bei Förderprogrammen dabei waren, aber in allen anderen Punkten den Teilnehmern ähnlich waren. Kern der Studie ist der Vergleich der Beschäftigungsperspektiven dieser beiden Gruppen.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wie sich kurz- und langfristige Effekte unterscheiden
Im Fachjargon heißt diese Methode „mikro-ökonometrisches Matching“ – nur sie kann verlässliche Aussagen über die Wirksamkeit eines Programms liefern. Denn um den Wirkungen eines Förderprogramms beurteilen zu können, muss man wissen: Wie hätten sich die Beschäftigungschancen der Teilnehmer entwickelt, wenn sie nicht mitgemacht hätten?
Nackte Zahlen darüber, wie viele Teilnehmer eines Förderprogramms danach einen Job gefunden haben, sagen wenig – schließlich finden auch viele der Nicht-Geförderten wieder eine Arbeit.
Kurzfristig haben nahezu alle Formen von aktiver Arbeitsmarktpolitik negative Auswirkungen auf die Beschäftigungschancen der Teilnehmer, stellen Wunsch und Lechner fest. Denn während die Teilnehmer noch in den staatlichen Programmen stecken, finden viele nicht Geförderte schon wieder einen regulären Job. Wissenschaftler sprechen vom „Lock-in“-Effekt. Je länger ein Förderprogramm dauert, desto größer ist dieser.
Arbeitslose, die aufgrund ihrer Qualifikation relativ gute Karten auf dem Arbeitsmarkt haben, sind vom Lock-in-Effekt besonders betroffen. Arbeitnehmer, die es auf dem Job-Markt besonders schwer haben leiden weniger darunter, weil aus ihrer Vergleichsgruppe nur wenige einen Job finden, während sie selbst in einer Maßnahme stecken. „Bei einigen der kürzeren Trainingsprogramme beobachten wir bei dieser Gruppe sogar positive Beschäftigungseffekte“, heißt es daher in der Studie.
Die langfristige Wirkung aber ist bei allen Arten von Förderprogrammen bescheiden. „Über einen Zeitraum von 30 Monaten nach dem Start der Maßnahmen sind die Beschäftigungseffekte entweder sehr klein oder gar nicht vorhanden.“ Lang dauernde Weiterbildungs- und Umschulungsprogramme verschlechtern sogar die Arbeitsmarkt-Aussichten der Geförderten. „Deren Teilnehmer sind zwischen zwei und 13 Monaten länger arbeitslos als Nicht-Teilnehmer.“
Die längere Arbeitslosigkeit der Geförderten verursacht laut Studie Mehrkosten von 1500 bis 7000 Euro pro Teilnehmer. Berücksichtigt man die eigentlichen Kosten für die Förderprogramme, summieren sich die Kosten auf 2000 bis 20 000 Euro pro Kopf – eine beträchtliche Summe dafür, dass keine nennenswerte Wirkung nachzuweisen ist.
Die Schlussfolgerung für die Arbeitsmarktpolitik sind klar: Konzentration der Programme auf diejenigen mit großem und offensichtlichen Qualifizierungsbedarf und Verzicht auf lange dauernde Fortbildungs- und Umschulungsprogramme.
