Nun mag man berechtigterweise fragen, in wieweit indische Landarbeiter, die zum ersten Mal in ihrem Leben Geschicklichkeits- und Konzentrationsspiele lösen müssen, repräsentativ sind für gut ausgebildete und erfahrene Top-Manager, die weit komplexere Aufgaben zu erledigen haben.
Um die Ergebnisse der Experimente in Indien zu überprüfen und um die genauen Ursachen des Phänomens zu ergründen, machten die Forscher in Chicago und Boston mit Studenten ähnliche, verfeinerte Experimente. Die Probanden mussten einerseits Rechenaufgaben lösen, andererseits auf einem Computer innerhalb von vier Minuten so oft wie möglich abwechselnd die "n"- und die "v"-Taste drücken. Während es beim Rechnen auf kognitive Fähigkeiten ankam, zählte beim Tippen nur die reine Geschicklichkeit.
Bewusst wählten die Forscher Tätigkeiten aus, mit denen die Studenten vertraut waren; zudem konnten sich die Probanden vor dem Experiment trainieren. Eine Gruppe konnte maximal 30 Dollar verdienen, eine andere dagegen bis zu 300 Dollar. Um die Leistungsanreize zu erhöhen, legten die Forscher das Experiment kurz vor das Semester-Ende - sie spekulierten darauf, dass die Studenten dann finanziell besonders klamm sind.
Bei den Rechenaufgaben führten die höheren Anreize wie gehabt zu einer deutlichen Leistungseinbuße. In der 30-Dollar-Gruppe erbrachten rund 60 Prozent der Teilnehmer sehr gute Leistungen - ging es um 300 Dollar, waren es dagegen nur rund 40 Prozent. Anders dagegen war es bei der stupiden Tipp-Aufgabe: Hier verdoppelte sich der Anteil der Top-Performer bei hohen Anreizen von 40 auf 80 Prozent.
Bei Aufgaben, für die Konzentration oder Kreativität zählt, lenken hohe Anreize die Aufmerksamkeit der Probanden ab, mutmaßen die Forscher. Bei automatisierten Tätigkeiten, die man ohne großes Nachdenken erledigen kann, trete dieser Effekt dagegen nicht auf.
Jenseits aller Neiddebatten könnte die Studie Aufsichtsräte und Aktionäre von Unternehmen wie der Deutschen Bank
zum Nachdenken anregen - wenn sich tatsächlich die Leistung des Top-Managements und die Performance des Unternehmens bessern lässt, in dem man die Anreize für das Spitzenpersonal nicht zu groß werden lässt, wären übermäßig hohe Management-Gehälter alles andere als in ihrem Interesse.
