Ein dreiköpfiges Forscherteam weist nach: Mit Blick auf Sein und Bewusstsein hatte Marx gar nicht so Unrecht. Die ökonomischen Rahmenbedingungen sind stark dafür verantwortlich, was für Ansichten und Wertvorstellungen wir haben.
Die Forscher analysierten das Entstehen von Wertvorstellungen am Beispiel von Landlosen in Argentinien – und konnten einen historischen Zufall bei der Vergabe von Eigentumsrechten an sie ausnutzen.
1981 besetzten rund 1800 bettelarme Familien in Argentinien in der Nähe von Buenos Aires bis dahin unbewohntes Land, das 13 verschiedenen privaten Grundbesitzern gehörte. Mehrere Versuche, die Landbesetzer zu vertreiben, scheiterten.
Mitte der achtziger Jahre entschied die argentinische Regierung, die Alt-Eigentümer gegen Zahlung einer Entschädigung zu enteignen und den Bauern das Land zu überschreiben. Aber nur acht der 13 ursprünglichen Besitzer ließen sich darauf ein. Die fünf anderen zogen vor Gericht – der Rechtsstreit dauert bis heute an.
Unter den Bauern ist dadurch eine Zwei-Klassen-Gesellschaft entstanden: Wer das Glück hatte, eine Parzelle zu okkupieren, die einem der acht einigungswilligen Besitzer gehörte, verfügt seit Jahren über Grundeigentum. Die anderen dagegen leben auf Land, das ihnen nicht gehört. Eine Konstellation, die die Forscher als „natürliches Experiment“ betrachten. Denn welcher Bauer Grundbesitz erworben hat, hängt nicht von seinen Werturteilen ab, sondern einzig vom Zufall.
Eine Umfrage, die Wissenschaftler unter den Bauern machten, fördert erhebliche Differenzen in den Werturteilen der beiden Gruppen zutage. „Besetzer mit Glück“, die heute über Eigentumsrechte an dem von ihnen bewohnten Land verfügen, haben deutlich kapitalistischere Wertvorstellungen. Sie sind zum Beispiel wesentlich häufiger der Meinung, dass sich Eigeninitiative auszahlt und dass materieller Wohlstand im Leben wichtig ist. Sie bringen auch fremden Menschen deutlich mehr Vertrauen entgegen – eine Eigenschaft, die nach Ansicht vieler Ökonomen für das Funktionieren einer Marktwirtschaft entscheidend ist.
Um die Wertvorstellungen der Befragten vergleichbar zu machen, verdichten die Forscher die Ergebnisse der Umfrage in einem „Pro-Marktwirtschaft-Index“. Bei Bauern mit Landbesitz ist dieser Indikator im Schnitt um 20 Prozent höher bei als solchen, die über keine Eigentumsrechte verfügen. Insgesamt haben „glückliche Besetzer“ ein stärker individualistisch und materialistisch ausgeprägtes Weltbild. Ihre Wertvorstellungen entsprechen – anders als bei den Landbesetzern ohne Eigentumsrechten – recht genau dem Durchschnitt der übrigen argentinischen Bevölkerung.
Über die Mechanismen, die dazu führten, können die Forscher allerdings nur spekulieren. Sie bieten zwei Erklärungsalternativen an: Der Wertewandel könnte einerseits einfach aufgrund der neuen Erfahrungen, die die „glücklichen Besetzer“ machten entstanden – quasi als automatisches Konsequenz der neuen Lebensumstände.
Die „glücklichen Besetzer“ könnten andererseits ihre Überzeugungen unterbewusst, aber absichtlich geändert haben. Diesen zweiten Erklärungsansatz haben die renommierten Ökonomen Jean Tirole und Roland Bénabou jüngst ein theoretisches Modell gegossen. Die Grundüberlegung dabei ist: Wertvorstellungen haben für den, der sie hegt, einem Zweck – sie stiften Identität. Wer zum Beispiel Geld oder Grundbesitz hat, neigt daher dazu, materielle Werte wichtig zu nehmen, um stolz darauf sein zu können.
