Der Aufstieg der chinesischen Exportwirtschaft scheint unaufhaltsam. Was bleibt da auf Dauer für die Industrie in den Hochlohnländern übrig? Ein Professor der Elite-Universität Yale hat diese Frage akribisch untersucht - und kommt zu erstaunlichen Ergebnissen. Lesen Sie, warum der Westen sehr wohl eine Chance hat.
Auszeichnung "Made in China": Die Industrie im Westen kann gegen die Konkurrenz aus Asiaten bestehen. Foto: ap
Es ist nur noch eine Frage der Zeit: China wird Deutschland bald als Exportweltmeister ablösen. Wahrscheinlich 2009, vielleicht schon in diesem Jahr.
Was bedeutet der Siegeszug von "made in China" für die Hochlohnländer? Ist unser produzierendes Gewerbe - und mit ihm Millionen von Jobs - dem Untergang geweiht?
Peter Schott, Ökonomie-Professor in Yale, geht dieser Frage in einer im Januar in der Fachzeitschrift "Economic Policy" erschienenen Studie auf den Grund und gibt zumindest teilweise Entwarnung. Unsere Industrie muss sich zwar auf massive Umbrüche einstellen, kann aber gegenüber der neuen Konkurrenz sehr wohl bestehen, lautet sein Fazit. Dies lasse sich aus der Entwicklung des Welthandels in den vergangenen drei Jahrzehnten ableiten.
In dieser Zeit ist in der Industrie die Konkurrenz aus China massiv gewachsen. Doch die Unternehmen in den Hochlohnländern haben sich erfolgreich behauptet, zeigt der Forscher, weil sie bessere, innovative Produkte entwickelt haben, die denen aus China überlegen sind.
Grundlage der Studie von Schott sind detaillierte Daten aus der US- Außenhandelsstatistik. Auf der Ebene einzelner Warengruppen und Produkte kann der Wissenschaftler so die Importe der USA analysieren.
Die nackten Zahlen wirken auf den ersten Blick beunruhigend. Über alle eingeführten Industrieprodukte hinweg ist der Anteil der Güter aus China drastisch gestiegen - von nahe null Prozent 1972 auf inzwischen fast 20 Prozent. Zwischen verschiedenen Warengruppen gibt es aber bemerkenswerte Unterschiede. Bei Konsumgütern wie Kleidung und Spielzeug kommen die Chinesen inzwischen sogar auf einen Marktanteil von 36 Prozent.
Zudem stellt Schott fest: Die chinesischen Industrieprodukte sind denen aus westlichen Ländern immer ähnlicher geworden. Unternehmen aus China machen Firmen aus Hochlohnländern mittlerweile in nahezu allen Segmenten Konkurrenz. 1972 waren Produkte aus China auf dem US-Markt gerade einmal in neun Prozent aller Gütergruppen vertreten - heute gilt das für 85 Prozent. "Kein anderes Land kommt bei der Zunahme der Produktpenetration auch nur in die Nähe eines solchen Wachstums", schreibt der Ökonom.
Schott vergleicht allerdings nicht nur verschiedene Gütergruppen, sondern schaut detailliert in die einzelnen Segmente hinein. Und hier stellt er Bemerkenswertes fest: Innerhalb einer Produktgruppe sind die Unterschiede zwischen den Gütern aus China und denen aus westlichen Ländern offenbar gestiegen. Der Ökonom illustriert das Phänomen, das er "vertikale Produktdifferenzierung" nennt, mit folgendem Beispiel: "Japan und China mögen beide hochauflösende Fernseher produzieren und exportieren, aber die TV-Geräte aus Japan haben eine höhere Qualität oder bieten mehr Produktmerkmale als die aus China." In den Handelsstatistiken tauchen solche Unterschiede nicht auf, schließlich lassen sie sich nicht mit vertretbarem Aufwand erfassen und messen.
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Der Yale-Professor versucht daher, das Phänomen über einen Umweg einzufangen. "Die vertikalen Produktunterschiede sollten sich in den Preisen niederschlagen", argumentiert er. "Japanische Fernseher sollten dann auf dem amerikanischen Markt zu einem deutlich höheren Preis gehandelt werden als solche aus China."
Und genau dies weist Schott für die meisten wichtigen US-Importe nach. Innerhalb von Warengruppen seien Produkte, die aus China kommen, stets deutlich billiger als solche aus hochentwickelten Ländern. Bei Chemikalien beträgt der "Made in China"-Discount 23 Prozent, bei Maschinen gar 60 Prozent. Und im Laufe der Jahre sind diese Preisunterschiede nicht etwa geringer geworden. Im Gegenteil: "Die Preisabschläge für chinesische Produkte haben sich ausgeweitet."
Der Ökonom interpretiert dies als Indiz dafür, dass die Qualitätsunterschiede zwischen Produkten aus China und aus anderen Ländern deutlich gestiegen sind. "Die Lücke zwischen Exportpreisen für Produkte aus China und aus Industrieländern legt den Schluss nahe, dass der Wettbewerb zwischen diesen Volkswirtschaften weniger direkt ist, als die Überlappung in den Produktmärkten nahelegt."
Zentral für seine Argumentation ist die Annahme, dass die Preisunterschiede nicht hauptsächlich durch niedrigere Produktionskosten in China entstehen, sondern durch die höhere Zahlungsbereitschaft der Konsumenten für bessere Fernseher aus Japan.
Dafür spricht neben der ökonomischen Theorie auch die Geschichte. Bei homogenen Gütern wie zum Beispiel Weizen näherten sich die Preise im 19. Jahrhundert im Zuge des boomenden Welthandels an, wiesen Wirtschaftshistoriker nach.
Dass Industrieländer Produkte in der gleichen Warengruppe deutlich teurer verkaufen können als China, dürfte daher ein Beleg dafür sein, dass die Industrieländer auf die neue Konkurrenz mit besseren und hochwertigeren Produkten reagiert haben. Schotts Fazit ist daher ermutigend: "Wenn dem so ist, dann gibt es Hoffnung, dass das verarbeitende Gewerbe in den Hochlohnländern auch künftig die neue Konkurrenz aus Niedriglohnländern wie China überleben kann."
