In Unternehmen werden Ideen häufig dann besonders ernst genommen, wenn sie von externen Beratern stammen oder von Konkurrenten – oft ein teurer Fehler. Er hat psychologische Ursachen, fanden US-Forscher jetzt heraus – und zeigen Auswege aus dem Dilemma.
DÜSSELDORF. Jesus Christus war es, der als erster ein Paradoxon beschrieben hat, das die moderne Betriebswirtschaftslehre bis heute beschäftigt. „Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie“, heißt es in Kapitel 6, Vers 4 des Markus-Evangeliums.
Heute bezeichnen Management-Berater dieses Phänomen als „Präferenz für externes Wissen“ – und beobachten es regelmäßig in Unternehmen: Ideen werden dann besonders ernst genommen, wenn sie von externen Beratern stammen oder von Konkurrenten. Selbst entwickelte Konzepte haben es im Vergleich dazu oft schwer.
So zeigen die US-Forscher Jeffrey Pfeffer von der Graduate School of Business (GSB) an der Stanford Universität und Tanya Menon von der GSB Chicago in einer im Jahr 2003 in „Management Science“ erschienenen Fallstudie: Die Manager der amerikanischen Fast-Food-Kette „Fresh Choice“ schätzten die Strategien ihres Wettbewerbers „Zoopa“ besonders hoch ein – aber nur so lange, bis sie den Konkurrenten 1997 übernahmen. Danach brachten die „Fresh Choice“-Chefs den Konzepten der „Zoopa“-Kollegen weit weniger Wertschätzung entgegen. Umgekehrt ging es Xerox Mitte der 90er-Jahre: Das Management nahm eine von der eigenen Entwicklungsabteilung ausgetüftelte Internet-Strategie jahrelang nicht ernst – bis Wettbewerber begannen, ähnliche Ideen umsetzen.
Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist diese Vorliebe für Fremd-Know-how extrem schädlich. „Menschen in Organisationen neigen dazu, das Rad immer wieder neu zu erfinden, statt voneinander zu lernen. Das bedeutet für das Unternehmen eine enorme Verschwendung von Ressourcen“, schreibt ein dreiköpfiges Forscherteam um Tanya Menon in der „Management Science“-Ausgabe vom August 2006.
Das Phänomen, so fanden die Wissenschaftler mit aufwändigen Experimenten heraus, hat in erster Linie eine psychologische Ursache: Gute Ideen eines eigenen Kollegen nehmen viele Mitarbeiter vor allem als Bedrohung wahr. Wenn man von seinem Büronachbarn lernt, gesteht man sich schließlich ein: Dieser hatte bessere Ideen.
„Die Bedrohung, die ein betriebsinterner Rivale für das Selbstbild einer Person darstellt, beeinflusst die Bereitschaft, aus dessen Wissen und Fähigkeiten Kapital zu schlagen“, schreiben Menon und Co. Viele Beschäftigte fürchten, dass ein Kollege mit kreativen Ideen schneller Karriere macht als sie selbst. Weit verbreitet ist auch die Sorge, bei der Übernahme von Konzepten der Kollegen als phantasieloser Abgucker da zustehen. Um diesen Statusverlust zu vermeiden, reagieren wir defensiv auf die Einfälle unserer Mitarbeiter – wir reden ihre Ideen schlecht oder ignorieren sie.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wie können Unternehmen das Problem in den Griff bekommen?
Rollenspiele mit über 130 MBA-Studenten, die im Schnitt knapp 30 Jahre alt waren und über sechs Jahre Berufserfahrung hatten, zeigten: „Je mehr sich ein Mitarbeiter durch einen externen Rivalen bedroht fühlt, desto intensiver beschäftigt er sich mit dessen Ideen.“ Bei internen Rivalen ist genau das Gegenteil der Fall. Diese Ergebnis tritt unabhängig davon auf, ob der Rivale ein Individuum ist oder eine konkurrierende Abteilung.
Allerdings gibt es Abhilfe: Der Widerwille gegenüber den Ideen von Kollegen verschwindet, wenn der Mitarbeiter kurz vorher Selbstbestätigung erfahren hat. Wer sich seiner eigenen Sache sicher ist, hat deutlich weniger Angst, seinen Status durch einen Geistesblitz eines internen Rivalen zu verlieren.
Die Studie liefert eine wichtige Erklärung dafür, warum es so schwierig ist, Unternehmen in die viel beschworene „lernende Organisation“ zu verwandeln. Wissensmanagement ist längst nicht nur eine Frage der Technik, sondern auch eine Sache der Psychologie.
Um diese Barrieren zu überwinden, müssten Manager daran arbeiten, wie in ihrem Unternehmen „die Ego-Bedrohungen wahrgenommen werden“, empfehlen die Autoren. Nur dann habe die Vision eines Unternehmens, in dem alle Mitarbeiter ihr Wissen teilen, eine Chance.
Dass sich das lohnen dürfte, ahnte Heinrich von Pierer schon 1995. „Wenn Siemens wüsste, was Siemens weiß“, seufzte der damalige Vorstandschef vor elf Jahren auf der Bilanzpressekonferenz, „dann wären unsere Zahlen noch besser.“
