Mindestlöhne vernichten Arbeitsplätze - das ist das Hauptargument der Gegner von staatlichen Eingriffen in die Lohnstruktur. Zumindest für Großbritannien ist diese Aussage falsch. Dort ist die Beschäftigung im Niedriglohnsektor trotz Mindestlöhnen nicht gesunken. Warum, untersucht ein Ökonom der London School of Economics in einer neuen Studie.
In der kommenden Woche will die Regierungskoalition noch einmal versuchen, sich beim Thema Mindestlohn zu einigen. Das Lieblingsthema des Arbeitsministers ist bei Unionspolitikern alles andere als beliebt. Ihr zentrales Argument: Ein Mindestlohn liege nicht im Interesse der Niedrigqualifizierten. Denn wenn der Staats Löhne festschreibt, die oberhalb ihrer Produktivität liegen, dann seien ihre Jobs in Gefahr
Wenn sie wollen, können sich die Kontrahenten aus einem reichen Fundus empirischer Untersuchung zu den Wirkungen von Mindestlöhnen mit Argumenten versorgen. Eine sehr gut aufbereitete Zusammenstellung des Forschungsstands hat jetzt David Metcalf vorgelegt. Er ist Ökonom am Centre for Economic Performance der London School of Economics und Mitglied der britischen „Niedriglohnkommission“, die Vorschläge für die Anpassung des Mindestlohns macht und dessen Wirkungen evaluiert.
Seine Studie trägt den Titel: „Warum hat der britische Mindestlohn eine so geringe Wirkung auf die Beschäftigung?“ Tatsächlich kommen die unterschiedlichsten Untersuchungen zu dem Schluss: Der recht hohe britische Mindestlohn hat gar keine oder nur geringe negative Wirkungen auf Beschäftigung und Arbeitslosigkeit. Das Ergebnis hat Bestand – egal ob sich Forscher auf Branchen, die unterschiedlich stark vom Mindestlohn betroffen sin, konzentrieren, oder auf Regionen, Altersschichten oder Lohngruppen.
Ähnliches gilt für die USA. In Frankreich fanden manche Studien dagegen merkliche negative Effekte, vor allem bei Jugendlichen. Metcalfs Übersichtsartikel konzentriert sich auf Erwachsene. Für Jugendliche gelten in vielen Ländern, so auch in Großbritannien, besondere Regeln, weil davon ausgegangen wird, dass ihre Produktivität während der Einarbeitungszeit oft besonders gering ist.
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Zunächst einmal untersucht Metcalf die Fragen, ob der Mindestlohn deshalb keine negativen Folgen auf die Beschäftigung hatte, weil er nicht beachtet wird, oder weil er so niedrig ist, dass er nicht bindet. Beide Fragen beantwortet der Forscher mit einem klaren Nein.
Mit 5,35 Pfund (7,85 Euro) je Stunde für die über 22-jährigen ist die Lohn-Untergrenze keineswegs niedrig. Bei seiner Einführung im Jahr 1999 lag der Mindestlohn nur bei 3,60 Pfund ( 5,40 Euro) – und damals musste der Lohn von 1,2 Millionen Briten um durchschnittlich 15 Prozent angehoben werden.Der Autor stellt zudem fest, dass das Mindestlohn-Gesetz in der britischen Wirtschaft ganz überwiegend beachtet wird – obwohl die Kontrollen lax und die Strafen gering sind.
Wenn der nationale Mindestlohn also greift und die Löhne mancher Beschäftigter über das sich am Markt ergebende Niveau hinaus erhöht hat, legen die üblichen Gesetze von Angebot und Nachfrage sinkende Beschäftigung nahe. Warum es dazu nicht kam, lässt sich zum einen dadurch erklären, dass die Unternehmen die steigenden Lohnkosten über höhere Preise weitergegeben wurden. Das geht, wo es nur begrenzte Konkurrenz aus dem Ausland oder aus dem informellen Sektor gibt.
Ein zweiter Teil der Antwort liegt in den Gewinnen. Die Unternehmen in besonders betroffenen Branchen mussten niedrigere Profite hinnehmen, zumindest bei der Einführung des Mindestlohns. Später gelang die Überwälzung besser. Besonders betroffen waren Firmen, die sehr niedrige Löhne gezahlt hatten. Verstärkte Unternehmenspleiten – etwa von Altersheimen – aufgrund der gesunkenen Gewinne konnten Ökonomen in den ersten Jahren nach der Einführung des Mindestlohns nicht nachweisen.
Eine weitere Erklärung liegt darin, dass höhere Löhne für besonders schlecht bezahlte Arbeit den in diesen Berufen oft beklagten Arbeitskräftemangel beheben hilft. Dieses mehr an Beschäftigung kann Beschäftigungsverluste an anderer Stelle teilweise ausgleichen.
Und als letzte Erklärung deuten Befragungen und Fallstudien darauf hin: Höhere Löhne haben dazu geführt, dass sich die Arbeiter mehr anstrengen und weniger überwacht werden müssen, und das die Arbeit effektiver organisiert wird.
Einschränkend ist anzumerken, dass bisher nur die Erhöhungen des britischen Mindestlohns bis 2004 auf 4,50 Pfund (6,75 Euro) ) eingehend analysiert wurden. Inwieweit die seitherigen und noch geplanten Erhöhungen ohne größere negative Beschäftigungswirkungen blieben, ist offen. Die ökonomische Theorie lässt erhebliche Beschäftigungsverluste erwarten, wenn der Mindestlohn zu hoch angesetzt wird.
Wichtig ist zur Einordnung, dass sich all diese Wirkungsanalysen nur auf einen nationalen Mindestlohn über alle Branchen und Berufe hinweg beziehen. In Deutschland diskutiert die Politik auch über „branchenbezogene Mindestlöhne“. Wenn diese dadurch entstehen, dass Tarifverträge noch häufiger als bisher für allgemein verbindlich erklärt werden, ist das etwas ganz anderes. Schließlich gibt es nur wenige Tarifverträge, die Armutslöhne zulassen. Das würde wohl vor allem dazu führen, dass tarifgebundene, alteingesessene Unternehmen und Gewerkschaften in ihrem gemeinsamen Bestreben gestärkt würden, unliebsame Konkurrenz abzuwehren. Arbeitnehmer in der Mitte der Lohnskala würde profitieren, die Geringverdiener hätten wohl wenig oder gar nichts davon.
