Warum sind die besten Jobs bis heute fest in der Hand von Männern? Diskriminierung allein kann nicht der Grund sein, zeigen französische Wissenschaftler in einer neuen Studie. Zudem liefern Frauen oft bessere Arbeit als Männer. Die Forscher liefern eine verblüffende Erklärung für die schlechten Karrierechancen von Frauen.
In den Top-Etagen der deutschen Wirtschaft hat das Zeitalter der Gleichberechtigung noch nicht begonnen. Unter den 192 Vorstandsmitgliedern der 30 Dax-Konzerne befindet sich genau eine Frau – Bettina von Oesterreich, „Chief Risk Officer“ bei Hypo Real Estate. In vielen anderen Industrieländern sieht es nicht besser aus. Die wichtigsten Jobs in den Unternehmen sind fest in der Hand von Männern. Ganz so wie vor 50 Jahren.
Was ist der Grund für diese „gläserne Decke“? Eine landläufige Erklärung ist, dass Frauen mehr oder weniger offen diskriminiert werden. Selbst die „Wirtschaftswoche“ attestierte deutschen Unternehmen jüngst „Frauenfeindlichkeit“.
In Wirklichkeit jedoch ist die Sache ein ganzes Stück komplizierter. Diskriminierung allein kann die schlechten Karrierechancen von Frauen nicht erklären – ebenso wenig wie Babypausen oder schlechtere Qualifikation. Das ist das Fazit einer jüngst veröffentlichten Studie der drei französischen Ökonomen Frédéric Palomino (Paris Graduate School of Economics, Statistics and Finance), Evren Örs und Eloic Peyrache (beide: HEC School of Management in Paris).
Die Wissenschaftler machen einen anderen Grund dafür mitverantwortlich: Frauen kommen mit Situationen, in denen extremer Wettbewerb herrscht, schlechter zurecht als Männer. Gerade das berufliche Weiterkommen aber ist geprägt durch überaus scharfen Wettbewerb. Um eine freie Abteilungsleiter-Stelle bewerben sich viele Kollegen, kriegen kann den Job aber nur einer. Wer in einem Unternehmen bis ganz an die Spitze kommen will, muss in vielen Beförderungsrunden seine Konkurrenten ausstechen. Wen solcher Wettbewerbsdruck eher hemmt als beflügelt, der hat dabei schlechte Karten.
Und gerade Frauen scheinen in sehr kompetitiven Situationen tendenziell gelähmt, während Männer dabei zu Höchstform auflaufen. Das haben Experimental-Ökonomen in Labor-Versuchen in den vergangenen Jahren bereits mehrfach festgestellt. Die neue Studie aus Frankreich untermauert diese These jetzt erstmals mit Belegen aus dem realen Leben.
Die Autoren haben interne Bewerber-Daten der HEC School of Management ausgewertet. Die Pariser Uni gilt als eine der besten Adressen für solch ein BWL-Studium in Europa – in einem Ranking der „Financial Times“ liegt sie regelmäßig auf den vorderen Plätzen. Ein HEC-Diplom, das ist in der Regel ein Schlüssel für eine große Management-Karriere.
Jedes Jahr sucht die Hochschule aus rund 3300 Bewerbern die rund 360 Besten aus – mit einem recht kompetitiven Verfahren. Die erste Hürde sind mehrstündige Klausuren in sechs Fächern, unter anderem Französisch, Mathematik und zwei Fremdsprachen. Die besten 20 Prozent der Bewerber werden zu mündlichen Prüfungen eingeladen, bei denen die HEC nochmals jeden zweiten aussiebt.
Frauen haben laut Studie deutlich schlechtere Karten, einen HEC-Studienplatz zu ergattern. Sie stellen 50 Prozent der Kandidaten, nach der ersten Auswahlrunde sinkt ihr Anteil aber auf 46 Prozent. Bei diesem Anteil bleibt es auch nach den mündlichen Testes. An bewusster oder unbewusster Frauen-Diskriminierung kann ihr schlechtes Abschneiden nicht liegen. Denn die schriftlichen Tests der ersten Runde werden anonym ausgewertet.
Und fachlich sind weibliche Bewerber keineswegs schlechter als Männer. Ihre Schulnoten sprechen sogar für das Gegenteil. „Die durchschnittliche Performance von Frauen in den Abitur-Prüfungen ist signifikant besser als die von Männern“, stellen die Forscher fest. Ein ähnliches Leistungsmuster beobachten sie bei den jungen Leuten, die den HEC-Aufnahmetest bestehen: In der Zwischenprüfung nach einem Jahr erzielen Frauen im Schnitt bessere Ergebnisse.
Eine mögliche Erklärung für den Vorsprung der Männer in der Aufnahmeprüfung wäre, dass diese mehr Mut zur Lücke haben und sich stärker auf Fächer wie Mathematik konzentrieren, die mit hohem Gewicht in die Prüfung einfließen. Dafür finden die Forscher aber keine Anhaltspunkte – Männer, die gut in Mathe abgeschnitten haben, sind in anderen Teilen der Prüfung keineswegs ungewöhnlich schlecht.
Nach Ansicht der Forscher bleibt nur eine Erklärung übrig: Der unterschiedlich hohe Konkurrenzdruck in den verschiedenen Prüfungen. Bei Abitur und Zwischenprüfung kommt es nur auf das absolute Abschneiden der Prüflinge an – beim HEC-Aufnahmetest dagegen zählt vor allem das relative Abschneiden. Man muss nicht einfach nur gut sein, sondern es auch noch unter die 360 Besten schaffen.
Viele, aber nicht alle Männer können mit solchen Druck offenbar besser umgehen als Frauen. Im Aufnahmetest sind die Leistungsunterschiede zwischen einzelnen männlichen Bewerbern viel größer als zwischen weiblichen Kandidaten. Unter den schlechtesten 25 Prozent der Prüflinge befinden sich mehr Männer als Frauen – unter dem besten Viertel ebenfalls.
Die Forscher ziehen aus all dem den Schluss, dass die Unter-Repräsentierung von Frauen in der Wirtschaft schon früh beginnt. Kompetitive Prüfungen, wie sie in Frankreich bei der Hochschulzulassung üblich sind, seien daher der Gleichstellung der Frauen wahrscheinlich abträglich.
