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26.05.2008 
Arbeitsmarktforschung

Zu viel Druck auf Arbeitslose nutzt niemandem

von Olaf Storbeck

Wie viel Geld sollen Arbeitslose bekommen? Zu generös darf die Absicherung nicht sein - sonst lassen sich Arbeitslose zu viel Zeit bei der Jobsuche , warnen Ökononem. Eine neue Studie zeigt jetzt: Zu niedrig sollte das Arbeitslosengeld auch nicht sein. Nicht aus sozialen Gründen, sondern aus Eigeninteresse der Gesellschaft.

Arbeitsmarkt-Forscher wissen es seit langem: Zwischen der Höhe des Arbeitslosengeldes und der Dauer von Arbeitslosigkeit besteht ein klarer Zusammenhang. Je generöser die Absicherung, desto länger sind Menschen ohne Job. So zeigen Studien für die USA: Steigt das Arbeitslosengeld um zehn Prozent, nimmt die Länge der Arbeitslosigkeit um vier bis acht Prozent zu.

Verantwortlich dafür ist nach herrschender Ökonomenmeinung eine Anreizverzerrung: Das Arbeitslosengeld reduziere den Ertrag des Arbeitens. Wer zu viel Geld fürs Nichtstun bekomme, für den sei es wenig attraktiv, sich so schnell wie möglich um einen neuen, bezahlten Job umzusehen. In der Ökonomensprache ist dies ein Fall von "moral hazard", was etwa mit "moralischer Gefahr" zu übersetzen ist - die Menschen missbrauchen die Leistungen der Arbeitslosenversicherung.


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» Eine neue Studie stellt diese Sicht in Frage. Raj Chetty von der University of California, Berkeley, kommt zu dem Schluss: Die negativen Anreizeffekte des Arbeitslosengeldes auf das Verhalten der Betroffenen werden deutlich überschätzt.

Die Studie, die einen zentralen Befund der neo-klassischen Arbeitsmarkttheorie in Zweifel zieht, ist im "Journal of Political Economy" erschienen, das zu den angesehensten VWL-Fachzeitschriften der Welt gehört. Sie wurde vom Forschungsnetzwerk CESifo für ihre "besondere wissenschaftliche Originalität und wirtschaftspolitische Bedeutsamkeit" mit dem "Distinguished CESifo Affiliate Award 2008" ausgezeichnet.

Chetty zeigt theoretisch und empirisch: "Moral hazard" ist weder der einzige noch der wichtigste Grund dafür, dass höheres Arbeitslosengeld tendenziell die Arbeitslosigkeit verlängert.

Ein Großteil des Effektes liegt daran, dass das Arbeitslosengeld die Wirkung hat, die es haben soll: Es schützt Arbeitslose kurzfristig vor drastischen Einkommensverlusten. Damit ermöglicht es ihnen, nicht den erstbesten Job annehmen zu müssen. Ohne staatliche Arbeitslosenhilfe könnten sie sich Geduld zum längeren Suchen nach einem besseren Job nur leisten, wenn sie den Einkommensverlust mit privaten Ersparnissen oder Krediten überbrücken können. Gerade Arbeitslose verfügen aber häufig über wenig oder gar kein Vermögen. Und ihr Zugang zu Krediten ist oft beschränkt.

Gerade denjenigen, die finanziell klamm sind, gibt die Arbeitslosenversicherung mehr Zeit, einen wirklich für sie passenden Arbeitsplatz zu finden. Das nützt nicht nur den Arbeitslosen, sondern der Gesellschaft insgesamt. Es ist ineffizient, wenn zum Beispiel ein Facharbeiter, der seinen Job verliert, anschließend als Straßenfeger arbeiten muss und über kurz oder lang die erworbenen Fähigkeiten verliert. Der Gesellschaft entgeht dadurch sein Know-how und sie verliert Steuern und Sozialversicherungsbeiträge, die ein besserer Job mit sich bringen würde.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Wie Chetty seine These empirisch belegt

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