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HANDELSBLATT, Donnerstag, 06. Januar 2006, 16:27 Uhr

Abriss ab Mitte Januar

„Erichs Lampenladen“ ist bald Vergangenheit

Der Zeitplan für den Abriss von "Erichs Lampenladen" steht. Bis Ostern 2007 soll der Berliner Palast der Republik verschwunden sein. Ein Abriss ohne "Störungen" ist allerdings nicht zu erwarten. Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis nicht nur im übertragenen Sinne Gras über die Sache gewachsen ist.


Der Palast der Republik. Foto: ap
Der Palast der Republik. Foto: ap

HB BERLIN. Über 15 Jahre nach dem Ende der DDR gehen nun auch in ihrem Prestigebau die Lichter aus. Ab Mitte Januar wird der Palast der Republik, im Volksmund auch „Erichs Lampenladen“ genannt, abgerissen. Über die Nutzung des einstigen Prestigebaus der DDR war ein Jahrzehnt lang gestritten worden; bis zuletzt hatten sich Befürworter für den Erhalt ausgesprochen.

Ostern 2007 soll dann Gras über die ganze Sache mitsamt ihrer nicht enden wollenden Diskussionen gewachsen sein. Auf einer Wiese sollen nicht nur Hunde herumtoben, sondern auch Menschen Entspannung finden - bis irgendwann, falls ein Investor gefunden wird, ein Gebäude in Größe des Stadtschlosses entstehen soll.

Der Abriss des 1976 eröffneten Palastes ist nicht zu stoppen. Die Vergabe der Arbeiten an ein Abriss-Konsortium ist erfolgt. Ein Schiffsanleger in der Spree für den Abtransport des Schutts ist bereits gebaut. 20 000 Tonnen Eisen und Stahl, 56 000 Tonnen Beton und 500 Tonnen Glas müssen weg, das meiste davon auf dem Wasserweg, da es sonst zu einem Verkehrschaos auf den Straßen der Hauptstadt kommen würde. Rund zehn Schiffe täglich sollen die Last bewältigen.

In der dritten Kalenderwoche im Januar soll die Baustelle eingerichtet werden, 14 Monate später sollen die Arbeiten abgeschlossen sein – wenn denn alles planmäßig verläuft, wie Berlins Senatorin für Stadtentwicklung, Ingeborg Junge-Reyer, am Freitag erklärte. Das Ganze koste nicht einmal so viel wie ursprünglich geplant: Zwölf Millionen Euro werden nun für den Rückbau veranschlagt, Bund und Land Berlin hatten mit 20 Millionen gerechnet. Davon muss Berlin 36 Prozent (4,3 Millionen Euro) bezahlen, den Rest trägt der Bund. Unvorhergesehenes sei allerdings nicht eingeplant, sagte die SPD-Politikerin. Und betonte mehrfach: „Diese Kosten basieren auf der Annahme eines kontinuierlichen und störungsfreien Ablaufes.“


Ein Abriss ohne „Störungen“ käme allerdings einer kleinen Sensation gleich. Zum einen ist der Boden sumpfig – und damit extrem schwierig zu bearbeiten. Stück für Stück muss der Koloss abgetragen werden, damit die Nachbarn auf der Museumsinsel – wie etwa der Berliner Dom – nicht untergehen. Gleichzeitig muss die 180 Meter lange und 120 Meter breite Betonwanne, in der der Palast steht, mit einem Sand-Wasser-Gemisch gefüllt werden. Sonst könnte sie nach oben treiben. Dies wiederum könnte den Grundwasserspiegel sinken und die Holzfundamente der sensiblen Nachbargebäude auf der Museumsinsel faulen lassen.

Zum zweiten befindet sich auch nach der Asbestsanierung von 1998 bis 2003 noch etwas von dem Krebs erregenden Material in dem Gebäude, in dem einst die Volkskammer residierte. Dieses zu beseitigen, sei nicht nur aufwendig, sondern verursache auch hohe Kosten, befürchtet Matthis Nägele vom Bündnis für den Palast. Die Asbestbeseitigung habe damals 80 Millionen Euro gekostet.

Die Abriss-Experten beruhigen jedoch die Bedenkenträger. Die Sicherheit der umliegenden Gebäude sei auf jeden Fall gewährleistet, sagte Hartmut Kalleja von der Arbeitsgemeinschaft selektiver Rückbau des Palastes der Republik. Die Wanne bleibe erhalten und werde durch das Gewicht des Sand-Wasser-Gemisches, das eingefüllt werde, nicht aufsteigen. Auch der Asbest sei kein Problem: Man kenne die Stellen, an denen dieser vorhanden sei, ganz genau, sagt der Diplomingenieur.

Auf die Frage, ob er später auf einer solchen Wanne auch ein Gebäude, etwa ein Gebäude in der Kubatur des Stadtschlosses bauen würde, wich Kalleja aus. Da müsse zunächst ein Gutachter bestellt werden. Natürlich sei es auch möglich, die Wanne zu entfernen. Dafür seien die Kosten aber dann noch einmal so hoch wie die des Abrisses des Palastes.

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und Junge- Reyer unterstrichen erneut, dass nach dem Abriss schnell ein Finanzierungskonzept für das geplante Humboldt-Forum an der Stelle mit Sammlungen der Staatlichen Museen und der Humboldt-Universität gefunden werden müsse. Die „grüne Wiese“ könne nur eine befristete Übergangslösung sein. Nach dem Willen des Bundestags soll dort ein Neubau mit den barocken Fassaden des 1950 gesprengten Berliner Stadtschlosses der Hohenzollern errichtet werden. Allerdings können weder der Bund noch das hoch verschuldete Berlin die geschätzten Kosten von 535 bis 780 Millionen Euro aufbringen.


Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) machte Wowereit bei dessen Antrittsbesuch am Freitag wenig Hoffnungen. Es seien keine konkreten Vereinbarungen dazu getroffen worden, sagte Regierungssprecher Thomas Steg. Es müssten nun weitere Gespräche zwischen den zuständigen Ressorts von Bund und Senat abgewartet werden. Junge-Reyer möchte diese Gespräche noch in diesem Monat beginnen.

Ob an dieser Stelle überhaupt einmal wieder ein Gebäude stehen wird, ist unsicher. Die Expertenkommission Historische Mitte hatte bereits 2002 empfohlen, ein Gebäude in der Größe des 1950 gesprengten Stadtschlosses zu errichten: Drei Fassaden sollten nach dem historischen Vorbild rekonstruiert werden. Der Bundestag stimmte im selben Jahr zu und bekräftigte den Beschluss im November 2003. Mittlerweile jedoch werden die Kosten für den Neubau, in den auch ein Humboldt-Forum mit wissenschaftlichen Einrichtungen ziehen soll, auf bis zu 1,2 Milliarden Euro taxiert. Und wer die aufbringen soll, ist völlig unklar.

Daher kämpfen das Bündnis für den Palast, die Linkspartei und die Grünen gegen den Abriss. Am Freitag, den 20. Januar, soll der Palast der Republik noch einmal Thema im Bundestag werden. Die beiden Oppositionsparteien haben Anträge für einen Aufschub des Abrisses eingereicht. Aber selbst Nägele weiß: „Die Chancen, dass der Bundestag dafür stimmt, sind eigentlich gleich Null.“

So wird es künftig an diesem Ort nicht mehr wie in den vergangenen Jahren spektakuläre Theateraufführungen oder Ausstellungen geben. Die Hauptstadt wird stattdessen, auch zur Fußball-WM, an einem ihrer repräsentativsten Plätze eine große Baustelle bieten – und auf Bauzäunen, einer Aussichtsplattform und im Internet über die Geschichte des Areals informieren.


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