|
Abriss ab Mitte Januar 
„Erichs Lampenladen“ ist bald Vergangenheit 
Der Zeitplan für den Abriss von "Erichs Lampenladen" steht. Bis Ostern 2007 soll der Berliner Palast der Republik verschwunden sein. Ein Abriss ohne "Störungen" ist allerdings nicht zu erwarten. Es wird wohl noch eine Weile dauern, bis nicht nur im übertragenen Sinne Gras über die Sache gewachsen ist.

|
|
Der Palast der Republik. Foto: ap
|
|
HB BERLIN. Über 15 Jahre nach dem Ende der DDR gehen nun auch in
ihrem Prestigebau die Lichter aus. Ab Mitte Januar wird der Palast
der Republik, im Volksmund auch „Erichs Lampenladen“ genannt,
abgerissen. Über die Nutzung des einstigen Prestigebaus der DDR war ein Jahrzehnt
lang gestritten worden; bis zuletzt hatten sich Befürworter für den
Erhalt ausgesprochen.
Ostern 2007 soll dann Gras über die ganze Sache mitsamt
ihrer nicht enden wollenden Diskussionen gewachsen sein. Auf einer
Wiese sollen nicht nur Hunde herumtoben, sondern auch Menschen
Entspannung finden - bis irgendwann, falls ein Investor gefunden
wird, ein Gebäude in Größe des Stadtschlosses entstehen soll.
Der Abriss des 1976 eröffneten Palastes ist nicht zu stoppen. Die
Vergabe der Arbeiten an ein Abriss-Konsortium ist erfolgt. Ein
Schiffsanleger in der Spree für den Abtransport des Schutts ist
bereits gebaut. 20 000 Tonnen Eisen und Stahl, 56 000 Tonnen Beton
und 500 Tonnen Glas müssen weg, das meiste davon auf dem Wasserweg,
da es sonst zu einem Verkehrschaos auf den Straßen der Hauptstadt
kommen würde. Rund zehn Schiffe täglich sollen die Last bewältigen.
In der dritten Kalenderwoche im Januar soll die Baustelle
eingerichtet werden, 14 Monate später sollen die Arbeiten
abgeschlossen sein – wenn denn alles planmäßig verläuft, wie
Berlins Senatorin für Stadtentwicklung, Ingeborg Junge-Reyer, am
Freitag erklärte. Das Ganze koste nicht einmal so viel wie
ursprünglich geplant: Zwölf Millionen Euro werden nun für den
Rückbau veranschlagt, Bund und Land Berlin hatten mit 20 Millionen
gerechnet. Davon muss Berlin 36 Prozent (4,3 Millionen Euro)
bezahlen, den Rest trägt der Bund. Unvorhergesehenes sei allerdings nicht eingeplant, sagte
die SPD-Politikerin. Und betonte mehrfach: „Diese Kosten basieren
auf der Annahme eines kontinuierlichen und störungsfreien
Ablaufes.“

Ein Abriss ohne „Störungen“ käme allerdings einer kleinen
Sensation gleich. Zum einen ist der Boden sumpfig – und damit
extrem schwierig zu bearbeiten. Stück für Stück muss der Koloss
abgetragen werden, damit die Nachbarn auf der Museumsinsel – wie
etwa der Berliner Dom – nicht untergehen. Gleichzeitig muss die 180
Meter lange und 120 Meter breite Betonwanne, in der der Palast
steht, mit einem Sand-Wasser-Gemisch gefüllt werden. Sonst könnte
sie nach oben treiben. Dies wiederum könnte den Grundwasserspiegel
sinken und die Holzfundamente der sensiblen Nachbargebäude auf der
Museumsinsel faulen lassen.
Zum zweiten befindet sich auch nach der Asbestsanierung von 1998
bis 2003 noch etwas von dem Krebs erregenden Material in dem
Gebäude, in dem einst die Volkskammer residierte. Dieses zu
beseitigen, sei nicht nur aufwendig, sondern verursache auch hohe
Kosten, befürchtet Matthis Nägele vom Bündnis für den Palast. Die
Asbestbeseitigung habe damals 80 Millionen Euro gekostet.
Die Abriss-Experten beruhigen jedoch die Bedenkenträger. Die
Sicherheit der umliegenden Gebäude sei auf jeden Fall
gewährleistet, sagte Hartmut Kalleja von der Arbeitsgemeinschaft
selektiver Rückbau des Palastes der Republik. Die Wanne bleibe
erhalten und werde durch das Gewicht des Sand-Wasser-Gemisches, das
eingefüllt werde, nicht aufsteigen. Auch der Asbest sei kein
Problem: Man kenne die Stellen, an denen dieser vorhanden sei, ganz
genau, sagt der Diplomingenieur.
Auf die Frage, ob er später auf einer solchen Wanne auch ein
Gebäude, etwa ein Gebäude in der Kubatur des Stadtschlosses bauen
würde, wich Kalleja aus. Da müsse zunächst ein Gutachter bestellt
werden. Natürlich sei es auch möglich, die Wanne zu entfernen.
Dafür seien die Kosten aber dann noch einmal so hoch wie die des
Abrisses des Palastes.
Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und Junge-
Reyer unterstrichen erneut, dass nach dem Abriss schnell ein
Finanzierungskonzept für das geplante Humboldt-Forum an der Stelle
mit Sammlungen der Staatlichen Museen und der Humboldt-Universität
gefunden werden müsse. Die „grüne Wiese“ könne nur eine befristete
Übergangslösung sein. Nach dem Willen des Bundestags soll dort ein
Neubau mit den barocken Fassaden des 1950 gesprengten Berliner
Stadtschlosses der Hohenzollern errichtet werden. Allerdings können
weder der Bund noch das hoch verschuldete Berlin die geschätzten
Kosten von 535 bis 780 Millionen Euro aufbringen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) machte Wowereit bei dessen
Antrittsbesuch am Freitag wenig Hoffnungen. Es seien keine konkreten
Vereinbarungen dazu getroffen worden, sagte Regierungssprecher Thomas
Steg. Es müssten nun weitere Gespräche zwischen den zuständigen
Ressorts von Bund und Senat abgewartet werden. Junge-Reyer möchte
diese Gespräche noch in diesem Monat beginnen.
Ob an dieser Stelle überhaupt einmal wieder ein Gebäude stehen
wird, ist unsicher. Die Expertenkommission Historische Mitte hatte
bereits 2002 empfohlen, ein Gebäude in der Größe des 1950
gesprengten Stadtschlosses zu errichten: Drei Fassaden sollten nach
dem historischen Vorbild rekonstruiert werden. Der Bundestag
stimmte im selben Jahr zu und bekräftigte den Beschluss im November
2003. Mittlerweile jedoch werden die Kosten für den Neubau, in den
auch ein Humboldt-Forum mit wissenschaftlichen Einrichtungen ziehen
soll, auf bis zu 1,2 Milliarden Euro taxiert. Und wer die
aufbringen soll, ist völlig unklar.
Daher kämpfen das Bündnis für den Palast, die Linkspartei und die
Grünen gegen den Abriss. Am Freitag, den 20. Januar, soll der
Palast der Republik noch einmal Thema im Bundestag werden. Die
beiden Oppositionsparteien haben Anträge für einen Aufschub des
Abrisses eingereicht. Aber selbst Nägele weiß: „Die Chancen, dass
der Bundestag dafür stimmt, sind eigentlich gleich Null.“
So wird es künftig an diesem Ort nicht mehr wie in den vergangenen
Jahren spektakuläre Theateraufführungen oder Ausstellungen geben.
Die Hauptstadt wird stattdessen, auch zur Fußball-WM, an einem
ihrer repräsentativsten Plätze eine große Baustelle bieten – und
auf Bauzäunen, einer Aussichtsplattform und im Internet über die
Geschichte des Areals informieren. 
|