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Handelsblatt, 04.05.06 12:21

Alles beta oder was?

Öffentliches Herumprobieren verleiht der Internet-Entwicklung eine neue Dynamik. Reißbrett und Planungsstab waren gestern. Die Farbe der Saison heißt beta. Web-Anwendungen entstehen in freier Wildbahn, Nutzer oszillieren zwischen Versuchskaninchen und Mit-Entwickler. In der ersten Sitzung des Handelsblatt-Dezentralkomitees in Düsseldorf - einem neuen Diskussionsforum für aktuelle Entwicklungen im Internet– diskutierten 16 Unternehmer, Forscher und Entwickler das Thema und kamen zu überraschenden Ergebnissen.

Wer würde in ein Flugzeug steigen, über dessen Bordtüren ein Schriftzug warnt: "Dieses Flugzeug haben wir noch nicht zu Ende entwickelt und seine Absturzsicherheit ist noch nicht getestet."? Wer würde Medikamente schlucken, deren Packungsbeilage informiert: "Über Risiken und Nebenwirkungen wissen wir noch nichts. Sollten Sie welche verspüren, füllen Sie bitte beiliegendes Formular aus."? Was in der Alltagswelt absurd erscheint, hat bei modernen Web-Diensten Hochsaison: Kaum ein neuer Service geht an den Start, über dessen Logo nicht das Wörtchen "Beta" prangt und signalisiert: Ich bin noch nicht fertig, an mit wird noch gearbeitet.

Hinter dieser Mode steckt System: Software-Entwickler haben sich längst von der Idee verabschiedet, Webservices hinter verschlossenen Türen auszuhecken. Zu oft hat man in der Vergangenheit Dienste an den Bedürfnissen der Anwender vorbei konstruiert. Stattdessen erblicken heute Anwendungen zu einem Zeitpunkt das Licht der Netz-Öffentlichkeit, zu dem man sie früher höchstens firmenintern herum gezeigt hätte. Das Ziel: Möglichst viele Nutzer sollen durch ihr Feedback helfen, der Entwicklung den richtigen Vektor zu geben.

Stephan Uhrenbacher, Internet-Unternehmer aus Hamburg und kürzlich mit der Community-Plattform "Qype" in den öffentlichen Beta-Test gestartet, erklärt: "Das Beta-Schild steht auch dafür, dass wir uns nicht so furchtbar ernst nehmen." Das senke nicht nur die Hemmschwelle der beteiligten Software-Entwickler, sondern verändere auch grundlegend das Verhältnis zum Kunden. "Wir nehmen uns sehr zurück und hören den Leuten zu", sagt Uhrenbacher. Auch Tim Bruysten, Unternehmer und Dozent für Design an der Universität Aachen, spricht von einer sich wandelnden Beziehung: "Der Nutzer wird nicht nur als Käufer betrachtet, sondern auch als Partner. Das verändert die Augenhöhe, weil man permanent nach seiner Meinung gefragt wird."

Laut Lorenz Lorenz-Meyer, Professor für Online-Journalismus an der Hochschule Darmstadt, steckt auch ein Versprechen in dem Beta-Schriftzug: "Es signalisiert, wir sind transparent und lassen uns in die Werkstatt schauen." Allerdings: Diese Beteuerung wird nicht immer eingelöst. Google beispielsweise, der ungekrönte König aller Beta-Dienste, betreibt eine reine Einbahnstraßen-Informationspolitik. Zwar nimmt man Nutzer-Feedback gerne entgegen, ansonsten orientiert sich der Suchmaschinenriese eher an der Kommunikationsstrategie des verblichenen Zentralkomitees der ebenso verblichenen KPdSU: Ein paar öffentliche Verlautbarungen im Jahr müssen reichen.

Nicht nur die Technik steht bei den meisten neuen Web-Services auf dem Prüfstand, auch die Geschäftsmodelle schweben meist noch im Vagen. Die Devise lautet häufig: Erst mal machen, Geld verdient wird später -- irgendwie. Diese Trial-and-Error-Strategie dürfte bei gestandenen Geschäftsleuten ein Kopfschütteln auslösen, dabei ist sie lediglich konsequent. "Während der Dotcom-Blase haben wir das Scheitern der wirtschaftlichen Intelligenz erlebt", sagt Lorenz-Meyer, "kompetente Leute stürzten sich auf die neuen Unternehmen, versuchten Geschäftsmodelle zu entwickeln und das ging gehörig schief." Durch Herumbasteln und öffentliches Ausprobieren kristallisiere sich nun heraus, was funktioniert und was nicht.

IT-Urgestein Cem Basman, seit über 30 Jahren Unternehmer in der Branche, bestätigt: "Die Lust am Spielen, am Experiment, ist sicherlich das Fundament der momentanen Bewegung im Internet." Dieses Konzept beiße sich keineswegs mit unternehmerischem Erfolg, glaubt Basman und erinnert an die Motivation der Google-Gründer: "Google wollte einfach die beste Suchmaschine im Internet werden, ans Geld verdienen haben sie erst später gedacht." Tatsächlich besaß Google anfangs nicht den Hauch eines Geschäftsmodells. Erst als die laufenden Kosten das Gründungskapital beinahe aufgezehrt hatten, lieh man sich das Modell des Konkurrenten Goto.com (später Overture) aus. Der Rest ist Geschichte.

Tim Bruysten verortet die Antriebskraft der neuen Web-Welle irgendwo "zwischen Business und 'was braucht die Gesellschaft'." Anders als die vergessenen Helden der kurzen Börsen-Hysterie, üben sich die Web-Pioniere der zweiten Generation in Bescheidenheit. Viele Projekte entstehen nebenbei, quasi nach Feierabend. Wo Unternehmen gegründet werden, geschieht dies mit überschaubaren Mitteln. Uhrenbacher: "Ich brauche heute für das Erstellen einer wunderbaren, großen Web-Anwendung weniger Geld, als der durchschnittliche Mittelständler alleine für seine Marktforschung ausgibt." Und: Anders als zu Bubble-Zeiten hat das Internet mittlerweile eine kritische Masse an Nutzern erreicht. Kaum ein Service klagt über User-Mangel.

Nicht in simulierter Realität, sondern in der rauen Wirklichkeit müssen Ideen ihre Alltagstauglichkeit beweisen. Viele werden scheitern, diesmal jedoch, ohne zuvor Abermillionen an Anlegergeldern verbrannt zu haben. Die so genannte New Economy wollte einst die Wirtschaftswelt revolutionieren, nach dem grandiosen Scheitern dieses Ansatzes, heißt der neue Hoffnungsträger Evolution. Mancher entdeckt in dem Konzept der brodelnden, öffentlichen Experimentierlabore gar Philosophisches: "Es ist das Eingeständnis, dass nichts was wir schaffen, perfekt sein kann", sagt Basmann.


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