Handelsblatt, 21.04.06 10:57

Funktechnik vernetzt die Fabrik

Datenfunksysteme erleichtern die Automatisierung in der Fabrik. Ob Bluetooth, Dect oder Wireless Lan, die Fabrikbetreiber schicken Produktionsdaten drahtlos an die Maschinen und mobilen Transportsysteme und gewinnen dadurch an Flexibilität.

DÜSSELDORF. Da keine festen Leitungen mehr benötigt werden, können sie die Abläufe und Strukturen in der Fabrik schnell verändern und an neue Bedürfnisse anpassen. Doch ganz ohne Kabel kommen die Betriebe bislang nicht aus: Sicherheitsrelevante Funktionen, wie das "Notaus" bei einer unmittelbaren Gefahr für die Mitarbeiter, werden nach wie vor über feste Leitungen übertragen. Mit der Funktechnik, die der Steuerungstechnikspezialist Thomas Schildknecht entwickelt hat, können nun erstmals auch diese Funktionen drahtlos realisiert werden.

Bei einer Automatisierung müssen Übertragungstechniken nicht nur Bewegungen und Abläufe in der Fabrik steuern können, sondern auch Schutzfunktionen erfüllen. "Wenn beispielsweise in einer vernetzten Anlage ein Modul ausfällt, muss das ganze System schnellstmöglich heruntergefahren werden, damit kein allzu großer Schaden entsteht", sagt Reinhard Hüppe, Geschäftsführer des Fachverbandes Automation im Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI).

Das Stilllegen der Anlage erfolgt nach einem vorher festgelegten Plan. Da die Maschinen miteinander verkettet sind, kann nicht einfach an einem Gerät der Strom abgeschaltet werden, sondern es müssen die Auswirkungen auf die miteinander gekoppelten Systeme berücksichtigt werden.

Das kontrollierte Abschalten war bislang mit Hilfe der Funktechniken nicht garantiert. "WLan und Bluetooth alleine sind nicht zuverlässig genug", sagt Hüppe. Übertragungsfehler, Verzögerungen oder der Verlust von Informationen könnten im Notfall Schäden anrichten, die bei den heutigen Sicherheitsstandards nicht akzeptabel sind. "Die Übertragungstechnik von Schildknecht ist weltweit die erste, die hier eine Lösung bietet", sagt der Automations-Experte.

Die eigentliche Innovation besteht aus einer kleinen unscheinbaren Box, in der eine Software und ein schneller Mikrochip die Sicherheitsfunktionen auswertet und überwacht, die von der Kommunikationsschnittstelle, über die alle Maschinen in einer Anlage verknüpft sind, zur Verfügung gestellt werden. Entwickelt wurde die Technik für den so genannten Pofisafe, einer Variante des Profibus-Kommunikationssystems, das mit 15 Mill. Installationen weltweit am häufigsten in der Automatisierung genutzt wird.

"Die Herausforderung bestand darin, die hohen Geschwindigkeiten in den Griff zu bekommen, mit denen Profisafe seine Daten sendet", sagt Thomas Schildknecht, der Chef des Elektronikentwicklers. Außerdem musste dafür gesorgt werden, dass die Box die Daten ohne Unterbrechung über die Funkstrecke sendet.

Dass die Sicherheitslösung hält was sie verspricht, hat Schildknecht seit Anfang 2005 in zahlreichen Pilotprojekten bewiesen. So wird bei Airbus ein Transportsystem in der Flugzeugmontage per Funk über Profisafe gesteuert. Und der Traktorhersteller John Deere setzt die Technik bei mehreren Elektrohängebahnen ein, mit denen Bauteile zur Montage transportiert werden.

Aber nicht nur in der Fabrik werden Sicherheitslösungen über Funk benötigt. "Skilifte, Seilbahnen und andere fahrerlose Transportsysteme werden zunehmend über Funk gesteuert", sagt Schildknecht. Auch hier kann der Unternehmenschef erste Einsatzbeispiele nennen. So wurde der Personenlift, mit dem die Skispringer bei den Olympischen Winterspielen in Albertville in Frankreich zur Skisprungstation transportiert wurden, mit dem Profisafe ausgestattet. Und auch der Lift, der die Besucher am Monmartre in Paris zur weltberühmten Basilika Sacre Coeur bringt, ist durch die Schildknechttechnik gesichert.

Bei der Innovation handelt es sich um ein typisches Nischenprodukt. Das Unternehmen rechnet für Dataeagle 3002 - so der Produktname - mit einem Marktpotenzial von rund 5 000 Einheiten pro Jahr.


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