07.04.2006

60 Jahre deutsche Wirtschaftsgeschichte: SAP: Langsam, aber gewaltig

Anfang April 1972 startet in einem Zweckbau in Mannheim eine kleine Firma: "Systemanalyse und Programmentwicklung", SAP. Die größte Unternehmensgründung seit 1949 geht auf eine Fehleinschätzung von IBM zurück.

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von Thomas Nonnast
Der Haupteingang des Softwareunternehmens SAP in Walldorf bei Heidelberg. Quelle: apLupe

Der Haupteingang des Softwareunternehmens SAP in Walldorf bei Heidelberg. Quelle: ap

MANNHEIM. Das Geschäftshaus mit der Adresse O 7,12 liegt liegt direkt in den "Planken" der Mannheimer Fußgängerzone. Zwei Stockwerke wurden gerade entkernt: Die aufgerissene Fassade gibt den Blick frei auf das Skelett aus Stahlträgern und Beton. Die Mieter - ein Zahnarzt, ein Finanzdienstleister und ein Institut für "praktische Psychologie" - sind in der Nachbarschaft untergekommen, gleich über H&M.

Schon Anfang April 1972 ist der viergeschossige Flachdachbau mit der kryptischen Adresse sicher kein Schmuckstück.

Doch für fünf frisch gebackene Ex-Mitarbeiter der damals in Fußnähe residierenden Mannheimer Niederlassung des amerikanischen Computerkonzerns IBM beherbergt er ihr erstes eigenes Büro.

Deshalb gehört der Betonkasten gegenüber von Fielmann und McDonald?s eigentlich unter Denkmalschutz gestellt. Denn in ihm wächst heran, was zur größten Unternehmensgründung in Deutschland nach 1945 werden sollte. Am 1. April 1972 gründen fünf Computerexperten hier ihre Firma mit dem nüchternen Namen "Systemanalyse und Programmentwicklung", SAP.

Ihre Gründer macht SAP - wenn auch in unterschiedlichem Maße - reich. 36 000 Jobs schaffen sie weltweit, die im vergangenen Jahr 8,5 Milliarden Euro Umsatz erwirtschafteten. Die Erfolgsstory hat viele Dimensionen: Für Mannheim wird sie zu einem Ärgernis. IBM steht gleich zweimal unfreiwillig Pate für SAPs Aufschwung. Und der Fußballbundesliga droht wegen SAP gar eine Revolution. Aber der Reihe nach.

"Wir hatten in diesem Gebäude eine Hand voll Zimmerchen gemietet", erinnert sich Dietmar Hopp, einer der Gründer von SAP - jedoch nur pro forma. "Hauptsächlich saß in Mannheim eine Sekretärin, damit jemand ans Telefon ging", sagt Hopp. "Wir waren ja bei den Kunden und entwickelten dort Software." "Wir", das sind neben Hopp die anderen vier Gründer Hasso Plattner, Klaus Tschira, Hans-Werner Hector und Claus Wellenreuther.

Den Anstoß zu ihrem Erfolg verdanken sie dem Unvermögen ihres Arbeitgebers IBM. Anfang der 70er-Jahre sind Computer noch schrankgroß mit vielen Schaltern und Knöpfen. Die meisten baut IBM. Bedient werden diese Großrechner von "Operatoren". Sie erledigen die "Stapelverarbeitung", indem sie eine Folge von Programmen in eine sinnvolle Reihenfolge bringen, die der Computer dann abarbeitet. Die Eingabe von Daten und Befehlen über einen Bildschirm gibt es nicht.

IBM liefert damals nicht nur die Hardware, sondern programmiert auch für Firmenkunden maßgeschneiderte Software, die etwa Abläufe der Lohnabrechnung oder Buchhaltung automatisieren.

Dietmar Hopp und sein Assistent Hasso Plattner sind Kundenbetreuer in der IBM-Niederlassung in Mannheim und betreuen unter anderem eine Faserfabrik des US-Chemieriesen ICI in Östringen südlich von Heidelberg. Dort programmiert IBM ein System für die Auftragsabwicklung - per Stapelverarbeitung.

"Doch dann haben wir ICI vorgeschlagen, dass sich die Aufgabe mit Bildschirmen viel eleganter lösen lassen könnte", erinnert sich Hopp. ICI willigt ein, und IBM entwickelt ein Auftragsabwicklungssystem mit Bildschirm - ein Renner. "Das hat am Markt für Furore gesorgt, und viele andere Kunden von IBM wollten das auch haben", sagt Hopp.

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