„Emma“ und Germanwings-Absturz
Wenn Feminismus abhebt

Ein Kommentar zum Flugzeugabsturz von 4U9525 in dem feministischen Magazin „Emma“ löst einen Shitstorm aus. Ex-Entwicklungsminister Dirk Niebel beteiligt sich daran – und steht auf einmal selbst mittendrin.
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DüsseldorfWas bekommt man, wenn man zwei diskursive Minenfelder – etwa die Diskussion um die Frauenquote und das tragische Unglück des Germanwings-Fliegers 4U9525 – in einem Online-Kommentar mit nur rund 2000 Zeichen zueinander in Beziehung setzt? Einen Shitstorm natürlich! Und obendrauf, wie bestellt, den Alltagssexismus eines FDP-Politikers. So wie Luise Pusch. Doch was war passiert?

„Frauenquote fürs Cockpit!“ titelte die Online-Ausgabe der „Emma“ am Freitag und veröffentlichte darunter einen Kommentar der Linguistin Luise Pusch. Ihre These: Weil Männer im Schnitt viermal häufiger Suizid begingen als Frauen, könne eine Pilotinnenquote die Flugsicherheit erhöhen. Derzeit seien nur sechs Prozent der Lufthansa-Piloten weiblich – und eine Quote darum das „Nächstliegende“, um solche Unglücke in Zukunft zu vermeiden.

Auf Twitter wurden Pusch und „Emma“ daraufhin stark kritisiert. Die „Emma“ instrumentalisiere das Unglück für ihre politischen Forderungen und erweise dem Feminismus damit einen Bärendienst, so die fast einhellige Meinung der empörten Kommentatoren. „Geschmacklos“, „ekelhaft“, „zum Schämen“ sind nur einige der Attribute, die das Social Web für Puschs Kommentar fand.

Freilich könnte man nun einwenden, von einer Mitbegründerin der feministischen Sprachkritik, die in einem feministischen Magazin veröffentlicht, keine andere Perspektive erwarten zu dürfen. Oder darauf hinweisen, dass Männer und Frauen oft geschlechtsspezifische Tötungsarten wählen, die eine nachträgliche Rettung unterschiedlich wahrscheinlich machen, was zu unterschiedlichen Werten beiträgt. Oder fordern, weniger Sachsen und mehr Saarländer als Piloten zu beschäftigen, weil deren Selbstmordrate mehr als doppelt so hoch liegt. Oder eben: Schweigen, wie es Ex-Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) vermutlich besser getan hätte.

Denn auch, wenn der sich als ehemaliger Soldat und jetziger Rüstungslobbyist für Rheinmetall zumindest rudimentär mit Minenfeldern auskennen dürfte: Mit seiner noch kürzeren Replik auf Puschs Vorschlag ist Niebel mitten hineingeprescht.

„Ob dabei bedacht wurde, dass Frauen häufiger auf Toilette gehen als Männer und das meistens auch zu zweit?“, fragte er am Sonntagabend auf Facebook – und sorgte damit für seinen ganz eigenen Ableger im „Emma“-Shitstorm.

Die "EMMA" fordert jetzt ja die Frauenquote für's Cockpit. Ob dabei bedacht wurde, daß Frauen häufiger auf die Toilette gehen als Männer und das meistens auch zu zweit??

Posted by Dirk Niebel on Sunday, March 29, 2015

„So schwachsinnig die Forderung der „Emma“ ist, so geschmacklos ist in diesem Kontext ihr Kommentar, Herr Niebel“, bringt eine Facebook-Nutzerin den Tenor im Social Web auf den Punkt. Ein anderer meint: „Ich bin sonst ein großer Anhänger von Ihnen, Sarkasmus und auch gerne schwarzem Humor, dafür umso weniger von krampfhafter Emanzipation, aber hier? Daneben!“

Und so reibt sich die digitale Empörung nun beiderseitig an Pusch und Niebel, was wiederum zeigt: Die Wahrheit im Minenfeld liegt vermutlich irgendwo dazwischen.

Kevin Knitterscheidt
Kevin Knitterscheidt
Handelsblatt / Volontär

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