Anstoß – die EM-Kolumne
Der geht auf Sie, Joachim

Schön, dass auch einmal ein Trainer-Genie daneben greift. Dumm nur, dass es im EM-Halbfinale sein musste. Irgendwo in Warschau darf Joachim Löw sich jetzt schuldig fühlen – denn er rotierte den Sieg heraus.
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DüsseldorfVerzockt. Beim Poker und bei der Aktienspekulation wäre dies der Begriff, mit dem Joachim Löws Taktik im EM-Halbfinale gegen Italien umschrieben würde. Allerdings war genau diese Taktik alles andere als ein kühner Plan, ein Bluff oder der Versuch einer Risikowette. Das Gegenteil ist der Fall - der Bundestrainer wusste, was er tut, und war von der Maßnahme durch und durch überzeugt. Worum es geht? Die erneute Personalrochade. Wie zuvor Bender rotierten Klose, Schürrle und Reus aus der Startelf. Stattdessen rückten der bisher enttäuschende Lukas Podolski, der nicht für das deutsche Spiel geschaffene Mario Gomez und der EM-Debütant Toni Kroos in die Mannschaft.

Eigentlich hätte sich Fußball-Deutschland bei dieser Aufstellung an den Kopf fassen müssen. Tagelang hat Löw die Aufstellung gehütet wie ein Staatsgeheimnis und tatsächlich mit der Hereinnahme Kroos' die Fachwelt überrascht. Einzig den Italienern machte das nichts aus. Die hatten sich nach 15 Minuten bestens auf die Änderung eingestellt und hebelten die DFB-Elf genüsslich aus. Und wieder staunte die Welt, oder zumindest besagtes Fußball-Deutschland. Hatte Löw nicht zuvor durch seine Personalwechsel die entscheidenden Impulse gebracht? War die Rochade nicht Grundstein für den Halbfinaleinzug? Ja - und nein.

Joachim Löw möchte schon seit Jahren nicht mehr wirklich Jogi genannt werden. Er ist vollwertiger Trainer, vielleicht einer der besten der Welt. Und als solcher trifft er vollwertige Entscheidungen. Seiner Arbeit wird mit Hochachtung begegnet. Er hat immer ein Ziel vor Augen und ordnet diesem alles andere unter. Und seien es gestandene Spieler. Wer nicht mitzieht, fliegt raus.

Im Spiel gegen Italien begegneten sich zwei ausgesprochene Trainer-Füchse, die großen Wert auf Taktik legen. Prandelli verzückte immer wieder durch Umstellungen und spornte seinen Gegenüber offenbar an. Das bedeutet nicht, dass Löws Wechsel leichtfertig, unbedacht oder sinnlos waren. Nein, es ist schlimmer: Sie gingen nach hinten los.

Die Aufstellung von Toni Kroos war im Prinzip gar nicht verkehrt. Es schien, als solle er im Mittelfeld für mehr Ballkontrolle und Stabilität sorgen. Gemeinsam mit der Hereinnahme von Gomez deutete vieles auf ein ruhiges Spiel hin, bei dem es darum ging, Gomez mit einem überlegten Anspiel Torszenen zu verschaffen. Außerdem wäre die rechte deutsche Seite damit kompakter als mit Müller oder Reus. Doch Löw entschied sich dafür, Kroos in die Mitte ziehen zu lassen, wo er Andrea Pirlo bewachen sollte. Gleichzeitig wurde ein sehr hastiger Offensivfußball angeschoben. Nicht umsonst fielen beide Treffer Italiens über die Seite des alleingelassenen Jerome Boateng. Ganz davon ab, dass ausgerechnet im Zentrum die italienischen Füße oft machen konnten, was sie wollten.

Als das Kind schon in den Brunnen gefallen war, kamen Reus und Klose - richtige Entscheidung. Gegen die nun tief stehenden Italiener sorgten beide Spieler für mehr Räume, Gefahr und Anspielmöglichkeiten. Draußen blieben Gomez und Podolski - beide immer wieder kritisiert, Letzterer sichtlich ohne Form. Ein Fehler, der Löw zwei Wechsel kostete. Und der Trainer legte nach: Statt den völlig indisponierten Bastian Schweinsteiger herauszunehmen, Götze zu bringen und diesen flexibel in die Angriffsreihe einzubauen, brachte er den bei dieser EM leider höchst berechenbaren Thomas Müller.

Davon, dass die EM womöglich nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zur WM gewesen ist und Löw sich durch unnötige Rochaden und Änderungen um die Chance bringt, gegen die im Moment nicht überragend spielenden Spanier anzutreten, soll ein anderes Mal die Rede sein. Und eine Grundsatzfrage stellt sich gar nicht erst. Für jetzt reicht es zu sagen: Diese Niederlage geht auf Ihre Kappe, Herr Löw! Unter dem Vorbehalt, dass immer noch Spieler eine Partie verlieren.

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  • Nicht nur Podolski und Gomez, v.a. Schweinsteiger war eine Fehlbesetzung. Da hätte selbst Ballack besser gearbeitet.

  • Und genau das hat sich bei früheren Titeln der deutschen Mannschaft gezeigt. Qualitätiv waren die Mannschaften deutlich schlechter als die heutige, aber da war dieser unbändige Wille, es dem Gegner "zu zeigen".

  • So sieht's aus! Ich habe gestern (und auch schon in den EM-Spielen vorher) tatsächlich den richtigen Biss vermisst, der noch in der Quali jedesmal zu sehen war.

    Außerdem bin ich ziemlich sicher der Überzeugung, dass Schweinsteigers lange Verletzungspause ein wesentlicher Moment war. Während der gesamten Quali (und auch vorher) war er Antreiber, Motivator und - ganz wichtig - einfach ein überragend dominater Mittelfeldspieler, der den Gegner allein durch seine Anwesenheit unsicher macht.

    Durch die lange, lange Verletzungspause ist er vielleicht körperlich wieder fit, aber die Ausstrahlung hat er noch nicht wieder. Und das fehlte der Mannschaft in jedem Spiel! Khedira war zwar auch sehr gut, aber das war er schon immer, aber sein Mittelfeldpartner fehlte ihm sichtlich.

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