Fußball-EM 2012

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Anstoß - Die EM-Kolumne: Die beiden Fans in mir

Als polnisches Einwandererkind drücke ich bei der Europameisterschaft zwei Mannschaften die Daumen. Aber was, wenn die Teams der alten und neuen Heimat aufeinander treffen? Emotion kämpft mit Identität.

Polnische Fans in Deutschland - während des Spiels gegen Deutschland: Schlagen zwei Herzen in ihrer Brust? Quelle: dpa
Polnische Fans in Deutschland - während des Spiels gegen Deutschland: Schlagen zwei Herzen in ihrer Brust? Quelle: dpa

DüsseldorfAm Freitag beginnt die Fußball-Europameisterschaft, und damit, spätestens, auch die Bunte-Fähnchen-Zeit. Schwarz-Rot-Gold, Weiß-Rot, Blau-Weiß, Grün-Weiß-Rot, Rot-Weiß-Blau – in Deutschland leben viele fußballbegeisterte Menschen unterschiedlicher Herkunft, die es zur Tradition haben werden lassen, während eines Großereignisses wie diesem ihren Nationalstolz – in positivem Sinne – öffentlich zu zeigen.

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Manchmal, zugegeben nicht allzu häufig, lässt sich in Fenstern oder auf Balkonen etwas Überraschendes, fast Rührendes, beobachten, nämlich dass Flaggen zweier Länder ausgehängt sind – die deutsche neben der polnischen, neben der italienischen oder neben der türkischen, was umso mehr erstaunt, als dass die Türkei in diesem Jahr überhaupt nicht vertreten ist. Und selbst wenn es nicht jeder zeigt oder zeigen will, die meisten Einwandererfamilien drücken während der EM beiden Teams die Daumen. Aber was, wenn die Mannschaft der alten und neuen Heimat aufeinander treffen? Rein theoretisch könnte es zu einem Viertelfinale Deutschland gegen Polen kommen, aus dem Land des Gastgebers kommen die drittmeisten Einwanderer.

Handelsblatt-Autor Peter Mandrella ist bekennender Polen-Fan - auch wenn zwei Herzen in seiner Brust schlagen.
Handelsblatt-Autor Peter Mandrella ist bekennender Polen-Fan - auch wenn zwei Herzen in seiner Brust schlagen.

Für mich ist die Sache klar: Egal gegen wen, ich halte zu Polen, dem Land, in dem ich geboren wurde. Zwar gingen meine Eltern weg, als ich sechs war und dementsprechend keine rechte Vorstellung von Dingen wie Heimat entwickeln konnte, dennoch fühle ich mich mehr polnisch als deutsch – und das obwohl in meinem Personalausweis „Staatsangehörigkeit: deutsch“ steht; obwohl ich seit über 20 Jahren in diesem Land wohne und es vermutlich besser kenne; obwohl ich wesentlich besser Deutsch als Polnisch spreche (akzentfrei, ich habe Germanistik studiert). Und trotzdem: Ich fühle mich meinen Wurzeln stark verbunden, und das zeigt sich nirgendwo deutlicher als beim Fußball.

Rückblende: Es ist der 14. Juni 2006, WM-Vorrundenspiel Deutschland gegen Polen. Ich stehe an der Bar eines Lokals, das überfüllt ist mit deutschen Fans, die, wie ich, gebannt auf die Leinwand starren. Ich bin bis zum Äußersten angespannt, trinke ein Bier nach dem anderen, ohne es zu merken. Die Nachspielzeit läuft bereits, ich sehe, wie David Odonkor auf der rechten Seite durchbricht, den orientierungslosen Dariusz Dudka überläuft und nach innen flankt, wo Oliver Neuville sich in den Ball wirft und zum 1:0-K.o.-Schlag trifft. Um mich herum bricht ein Sturm der Freude los, die Menschen liegen sich in den Armen, irgendwo mittendrin meine (deutschen) Freunde. Minutenlang bleibe ich regungslos, konsterniert stehen, dann gehe ich, ohne ein Wort zu sagen.

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Für Polen war die WM in diesem Augenblick zu Ende, für Deutschland begann das Sommermärchen, das ich als Fußballenthusiast natürlich weiterverfolgte, miterlebte, durchlitt, jedoch nicht mit derselben Aufgelöstheit und Ekstase, die es mit sich bringt, wenn man mit ganzem Herzen dabei ist. Es stimmt: Man sucht sich den Verein, den man liebt, nicht aus, ebenso wenig das Land, aus dem man stammt. Trotzdem: Wenn Deutschland spielt, freue ich mich aufrichtig über einen Sieg, und mit mir viele Millionen Einwanderer samt ihrer Familien. Es ist für mich und für viele andere eine neue Heimat geworden.

Zu den eindrucksvollsten Momenten der vergangenen Jahre gehörten die Szenen nach dem Halbfinal-Spiel Deutschland - Türkei bei der EM vor vier Jahren. Die Türken verloren – und feierten am Ende gemeinsam mit den Deutschen, im Stadion und auf den Straßen. Der deutsche Kader fördert diese Identifikation, etliche Spieler – unter anderem Lukas Podolski, Mesut Özil und Jérôme Boateng – haben einen Migrationshintergrund. Damit ist die Nationalelf auch ein Spiegel der deutschen Gesellschaft, und ein Positivbeispiel für funktionierende Integration.

Emotionen bringen die Menschen zusammen, und Fußball ist Emotion pur. Wenn Polen früh ausscheidet, bin ich für Deutschland. Aber dazu wird es natürlich nicht kommen, schließlich wird Polen das Turnier gewinnen. Darauf haben mein Vater und ich 50 Euro gesetzt.

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