Anstoß - Die EM-Kolumne
Löws goldenes Händchen

Es scheint momentan, als könne Bundestrainer Joachim Löw machen, was er will - es klappt alles. Warum vermutlich auch Tim Wiese als Regisseur und Philipp Lahm als Keeper funktionieren würden.
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DüsseldorfManchmal, ganz manchmal, gelingt einem ja alles, was man anfasst. Morgens das Frühstücksei auf den Punkt, grüne Welle auf dem Weg zur Arbeit, Lottogewinn in der Mittagspause und abends holt das Lieblingsteam den Sieg gegen den Erzrivalen. Tage, an denen die Gefahr groß ist, sich ein bisschen unsterblich zu fühlen. Es ist nicht überliefert, wie unsterblich sich Joachim Löw in diesen Tagen fühlt - allerdings hätte er momentan allen Grund dazu. Denn egal was der deutsche Nationalcoach anfasst, irgendwie funktioniert es bestens - er ist so etwas wie der König Midas unter den EM-Trainern.

Beispiel Jerome Boateng: Vor der EM wurde die rechte Abwehrseite als der große Schwachpunkt des deutschen Teams erkannt. Weder Boateng noch seinem bis dahin ärgsten Konkurrenten Benedikt Höwedes wurde als etatmäßigen Innenverteidigern zugetraut, die Position vernünftig auszufüllen - erfolgversprechendste Option war da noch das spontane Klonen von Philipp Lahm. Löw setzte trotzdem auf Boateng und der schaltete nacheinander Cristiano Ronaldo, Ibrahim Affelay und den herumirrenden Arjen Robben aus.

Beispiel Lars Bender: Als Boateng dann aber im zweiten Gruppenspiel gegen die Niederlande kurz vor Schluss wegen eines Zeitspiels beim Einwurf seine zweite Gelbe Karte sah, ging die Diskussion neu los. Ob dieser Boateng jetzt überhaupt noch zu ersetzen sei, fragten sich viele deutsche Medien - und bekamen ihre Antwort in Form eines Debütanten. Statt Boateng lief auf einmal der 23-Jährige Lars Bender auf. Ein Spieler, der vorher noch nie in einem A-Länderspiel von Beginn an auf dem Platz stand. Ein Spieler, der in seiner bisherigen Karriere ganze 17 Minuten als Rechtsverteidiger vorzuweisen hatte. Löw setzte trotzdem auf Bender und der zeigte ein starkes Spiel in der Defensive und erzielte ganz nebenbei noch den Siegtreffer gegen Dänemark.

Beispiel Mats Hummels: Hummels oder Mertesacker - das schien vor dem Auftaktspiel gegen Portugal so ein bisschen wie die Wahl zwischen Pest oder Cholera. In der Testbegegnung gegen die Schweiz überboten sich beide mit haarsträubenden Stellungsfehlern und Aussetzern am Ball. Dem Dortmunder wurde zudem immer nachgesagt, dass er mit seiner Spieleröffnung so gar nicht in die DFB-Philosophie passe. Löw setzte trotzdem auf Hummels und der spielte sich innerhalb von drei Spielen zum begehrtesten Innenverteidiger Europas und zum besten Zweikämpfer der EM-Vorrunde.

Beispiel Mario Gomez: Obwohl der Münchener bereits die zweite Saison nacheinander im Vereinstrikot trifft wie er will, schien Konkurrent Miroslav Klose gesetzt. Der gebürtige Pole war zwar zum Ende der Saison lange verletzt, zeigt in seiner ersten Spielzeit in Italien aber starke Leistungen. Und schließlich war auf Klose immer Verlass, wenn Deutschland bei einem großen Turnier antrat. Löw setzte trotzdem auf Gomez und der traf in den ersten beiden EM-Partien direkt dreifach, legte gegen Dänemark für Podolskis Treffer vor und war so an 80 Prozent aller deutschen Tore beteiligt.

Und dann das Beispiel Klose/Reus/Schürrle: Gut, der Leverkusener Schürrle machte im Viertelfinale nicht viel richtig. Aber mehr falsch als Lukas Podolski sicherlich auch nicht. Dafür erwiesen sich Reus und Klose gegen die im eigenen Strafraum verschanzten Griechen als Butch Cassidy und Sundance Kid - sie kamen überfallartig und feuerten aus allen Rohren. Resultat: zwei Treffer der Neuen. Ihre Hereinnahme überraschte Müller, Gomez und Podolski genau wie den Rest der Welt, einschließlich völlig überforderten griechischen Spielern.

Es scheint, als könne Löw machen, was er will - es klappt immer. Nicht unwahrscheinlich, dass selbst ein Tim Wiese als Spielgestalter drei Vorlagen gäbe, Philipp Lahm als von Löw nominierter Keeper zum Elfmeterkiller würde. Beruhigend, dass der Nationalcoach momentan ein goldenes Händchen bei seinen Personalentscheidungen hat. Die deutschen Gegner gruseln sich sicherlich jetzt schon.

Patrick Kleinmann
Patrick Kleinmann
Handelsblatt Online / Freier Journalist

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