Anstoß - Die EM-Kolumne
Pomade 2:1

Tier-Orakel sind nicht in der Lage, den künftigen Europameister vorherzusagen. Frisöre dagegen schon. Eine lückenlose Beweisführung am Beispiel des Deutschland-Spiels.
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DortmundDas Kraken-Orakel Paul ist schuld. Ihm und seiner überragenden Tipp-Quote bei der WM 2010 haben wir es zu verdanken, dass inzwischen selbst eingefleischte Stammtisch-Philosophen und anerkannte Tipp-Könige des Kneipen-Milieus der zweifelhaften Profession der Tier-Wahrsagerei verfallen sind.

Es gibt wohl kaum ein Säugetier oder Insekt, welches nicht zum Ausgang des Spitzen-Duells zwischen den Niederlanden und Deutschland hinsichtlich seiner fachkundigen Analyse im Vorfeld befragt wurde.

Man ließ beispielsweise in Landesfarben bemalte Elefanten auf rostige Tore ballern. Wie aussagekräftig dieses Experiment war, lässt sich an dem Umstand ablesen, dass in diesem Fall selbst die Dickhäuter in England-Farben reihenweise vom Elfmeterpunkt ins Schwarze trafen.

Doch damit nicht genug: Andernorts wurden unschuldigen Hunden Frau-Antje-Zopfperücken aufgesetzt und der Wahrheitsfindung dienende Blumenkübel vorgesetzt, die idealtypisch mit Tulpen und Frankfurter Würstchen gefüllt waren.

Man tat allen Ernstes so, als wüsste man nicht vorher, dass der hungrige Vierbeiner die saftigen Würstchen den überwiegend geschmacksneutralen Blüten holländischer Abstammung vorziehen würde und verkaufte dies als eine Eingebung der tierischen Art, die gleichzeitig als prophetischer Hinweis auf den Ausgang der Partie zu verstehen war.

Derlei Hokus-Pokus ist mir seit jeher suspekt. Aus diesem Grund begab ich mich an diesem Mittwochnachmittag vor dem zweiten Gruppenspiel der deutschen Mannschaft auf meine ganz persönliche Orakel-Reise. Ich war der festen Überzeugung, dass der Spielausgang auch auf andere, viel schlüssigere Art und Weise vorhergesagt werden konnte.

In diesem Augenblick kam mir das legendäre Aufeinandertreffen der deutschen und der niederländischen Nationalmannschaft im Achtelfinale der WM 1990 in den Sinn. Die deutsche Elf gewann mit 2:1. Aber nicht nur das: Sowohl Rudi Völler als auch Frank Rijkaard flogen damals vom Platz. Der Grund für Völlers rote Karte ist bis heute unbekannt, aber dieser Rijkaard hatte es nicht anders verdient, das wusste ich noch. Es war die doppelte Spuckattacke auf Rudis blonden Vorzeige-Minipli, der das Fass zum überlaufen gebracht hatte. Es war zum Haare-Raufen, soviel war klar.

Und dieses schmierige Duell steht immer noch stellvertretend für den jüngsten Siedepunkt der deutsch-niederländischen Rivalität, die bis heute andauert. Später machten beide zusammen Werbung für eine Buttermarke. Hier musste man ansetzen, dämmerte mir langsam. „Du bist auf dem richtigen Dampfer“, kombinierte ich, konnte aber die Zusammenhänge noch nicht richtig deuten.

Die Hinweise verdichteten sich in der Halbzeitpause der Begegnung zwischen Dänemark und Portugal. „Moment, diese Frise kennst du doch“, redete ich mir ein, während die Werbung für das Castrol-Motorenöl über den Bildschirm flackerte.

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