Deutschlands EM-Entdeckung
Reus ex machina

Der beste Spieler der Bundesliga-Saison ist auch in der Nationalmannschaft angekommen: Marco Reus war der Gewinner der Partie gegen Griechenland. Das war kein Zufall - und wird auch gegen Italien funktionieren.
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WarschauGelegentlich kommt einem die deutsche Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft so ein bisschen vor, wie eine Schulklasse auf Exkursion. Zwar sind die meisten Auswahlspieler dem schulpflichtigen Alter zumindest knapp entwachsen, die Typen in Jogi Löws Auswahl passen aber.

Philipp Lahm wäre der Klassensprecher, der neben Mario Götze und Ron-Robert Zieler in der ersten Reihe sitzt, sich bei jeder Frage meldet und dem Lehrer die Tasche trägt. Ganz hinten würden sich Mesut Özil, Sami Khedira und Jerome Boateng in ihren Stühlen lümmeln und sich über den Klassensprecher lustig machen. Tim Wiese wäre der Typ, der zur dritten Stunde immer zu spät kommt, weil er nach dem Sportunterricht noch die Haare föhnen und gelen musste. Und irgendwo an der Seite, relativ weit hinten, säße der Klassenclown. Der, der den Lehrer am besten nachmachen kann und Philipp Lahm Papierkugeln an den Hinterkopf schnipst. Einer wie Marco Reus.

Eine Rolle, die dem Noch-Mönchengladbacher auch auf dem Spielfeld gefällt: Im positiven Sinne unberechenbar, frech, riskant. Genau diese Eigenschaften fehlten dem deutschen Spiel in der Gruppenphase. Lukas Podolski und mit Einschränkungen auch Thomas Müller sind keine Spieler, die durch Dribblings Räume schaffen und auch mal eine überraschende Finte einbauen. Reus kann das. Mehr noch, es ist genau sein Spiel. „Frech wie immer“ hat Joachim Löw ihm mit auf den Weg gegeben, „und dass er sich was zutrauen solle“. Das funktionierte und war so Teil der sprichwörtlich-dramaturgische Lösung des deutschen Kreativvakuums, quasi „Reus ex machina“.

Bezeichnend für den Instinktfußballer sein Tor zum 4:1: Im Fahrwasser von Miroslav Klose zog der Neu-Dortmunder in den Strafraum und hämmerte den Abpraller dann mit vollem Risiko unter die Latte. In der Pressekonferenz am Tag nach dem Spiel kam zwar die augenzwinkernde Selbstkorrektur, „den hätte ich auch einfacher machen können“, meistens funktioniert es bei Reus dann ja aber doch.

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