Deutschlands Matchwinner
Khedira, der bessere Schweinsteiger

Lange war Sami Khedira das unauffälligste Element im deutschen Spiel - das hat sich bei dieser EM geändert. Der Madrilene hat Bastian Schweinsteigers Schwächephase genutzt und ist der neue Führungsspieler im Mittelfeld.
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DanzigDass die offizielle Ehrung der Uefa einen anderen Spieler traf, war keine große Überraschung. Nicht, dass Mesut Özil eine schlechte Wahl als „Man of the Match“ gewesen wäre, mit zwei Torvorlagen zeigte der Regisseur auch keine schlechte Leistung. Hätte das entscheidende Gremium aber weniger auf die Statistik und mehr auf das Spielfeld geschaut, wäre nur ein Akteur für die Ehrung in Frage gekommen: Sami Khedira.

Der Madrilene zeigte seine wahrscheinlich beste Leistung im Nationaltrikot - und das obwohl er die Messlatte mit starken Partien gegen Portugal, die Niederlande und Dänemark selbst schon ziemlich hoch gesetzt hatte. Dass der 25-Jährige ein guter Zerstörer und Balleroberer ist, war auch seinen Kritikern bereits vor der EM klar. Ein Argument wurde allerdings immer gegen den Deutsch-Tunesier und damit auch für seinen größten Konkurrenten Toni Kroos verwendet: Seine mangelnden Offensivqualitäten.

Diese Einwände ziehen inzwischen nicht mehr. Es war kein Zufall, dass ausgerechnet Khedira gegen Griechenland den wichtigen Treffer zum 2:1 erzielte. Bei einer EM, die aus deutscher Sicht bisher noch nicht die des deutschen Hoffnungsträgers Bastian Schweinsteiger ist, nutzt der Madrilene die Zurückhaltung seines Doppel-Sechs-Nebenmanns, um selbst immer wieder in die Spitze zu stoßen. Im Auftaktspiel gegen Portugal schlug er die Flanke zu Mario Gomez' Siegtreffer, im Viertelfinale sorgte die neugewonnene Angriffslust für seinen zweiten Treffer im deutschen Trikot - dem ersten seit 2010.

„Natürlich freue ich mich, dass ich ein wichtiges Tor geschossen habe und damit der Mannschaft helfen konnte. Dass ich mal an der Reihe war, macht mich glücklich“, blieb der Matchwinner trotzdem außerhalb des Spielfeldes wesentlich zurückhaltender als auf dem Platz. Sein Trainer Joachim Löw fand deutlichere Worte: „Er verlässt seine Position, macht Druck, zieht sich aber auch wieder zurück. Es ist schwer, im Zweikampf gegen ihn zu bestehen. Es ist gut für die anderen, die um ihn herum spielen, dass er da ist.“ Vor allem für dem schwächelnden Bastian Schweinsteiger, dessen Führungsposition als Spielmacher Khedira in großen Teilen übernommen hat. Zwar hat der Münchener immer noch deutlich mehr Ballkontakte, die entscheidenden Impulse kommen aber von seinem Nebenmann.

Seit der WM 2010 hat sich der damalige Stuttgarter enorm weiter entwickelt. Khedira hat sich bei Real Madrid, dem Verein mit den wohl weltweit kritischsten Fans und Medienvertretern, durchgesetzt und als unauffälliger Leistungsträger etabliert. Sein Vereinstrainer Jose Mourinho fordert und fördert seinen Lieblingsschüler gnadenlos, vor allem an taktischer Reife und Timing hat der 25-Jährige enorm zugelegt. Khedira weiß inzwischen genau, wann er mit nach vorne gehen kann und wann er lieber hinten bleibt, um seinem Teamkollegen Mesut Özil den Rücken freizuhalten. Gegen die Niederlande hielt er sich gegenüber dem in dieser Partie offensiv aktiveren Schweinsteiger zurück, ansonsten ist der Madrilene der deutlich stürmerische von den beiden Defensiven.

2009 war Khedira bereits Europameister - damals als Kapitän der U21-Auswahl. Sollte er drei Jahre später auch im Seniorenbereich den Titel holen, er hätte großen Anteil daran.

Patrick Kleinmann
Patrick Kleinmann
Handelsblatt Online / Freier Journalist

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