EM in der Ukraine
Blau-gelbes Glück und die Sorge vor dem Staatskater

Die Ukraine könnte mit der EM-Ausrichtung näher an Europa heranrücken. So war der Plan. Doch selbst die freiwilligen Helfer sind irritiert vom Desinteresse oder kurzfristigen Profitstreben vieler Landsleute.
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Kiew/CharkiwDie meisten sind längst heiser, doch ihr Ruf schallt noch gewaltig durch die Nacht: „Ukrajina! Ukrajina!“ Kilometer rund um das Kiewer Olympiastadion haben die glückstrunkenen Fans die Straßen geflutet. Einpeitscher klettern auf jedes wacklige Kioskdach und schwenken die blau-gelbe Landesflagge, Autofahrer funktionieren ihre Scheibenwischer in lustige Fähnchenwinker um. 2:1 über die Schweden, Gruppenerster bei der ersten Fußball-Europameisterschaft im eigenen Land, für viele ein gänzlich unerwartetes Glücksgefühl.

„Creating history together“, das verheißt der aktuelle Slogan der Europäischen Fußball-Union Uefa. Geschichte schreiben. In dieser Nacht, auch dank der guten Verlierer aus Schweden, die freundlicherweise die Landesfarben der Sieger tragen, fühlt sich das fast so an. Eine Osterweiterung mit den Mitteln des Fußballs: Die Uefa kickt mit diesem Turnier den Ball viel weiter Richtung Ural, als die Politik bisher bereit ist zu folgen. Die Ukraine - ein europäisches Land? Da schütteln auch viele in Kiew den Kopf. Und jetzt: Tabellenführer. Gastgeber. Europa. Zu schön, um wahr zu sein.

Am nächsten Morgen ist alles anders. Ja, der Sieg steht in den Zeitungen. Aber wo sind die Fans, wo ist die Freude? Svetlana Vasilenko sitzt in der Metro, die junge Radiojournalistin ist auf dem Weg zu einem Termin – und  im gesamten ruckelnden Zug die einzige Person, die wieder ihr Ukrajina-Trikot trägt. Patriotismus? Nicht so ganz. Vor allem hat sie eine Wette mit Kollegen verloren, sie hatte auf die Schweden gesetzt, daher ist die Sache mit dem Trikot jetzt Pflicht. Um sie herum: Schweigende Leute, introvertierte, teils leere Gesichter. Und Ukrajina? Tausende Adidas-Trikots wurden beim öffentlichen Training in Kiew gratis verteilt. Sie liegen jetzt weggefaltet im Schrank. Als Fanartikel Nummer eins gilt hier ohnehin der wärmende Schal. Aber auch nur zum Spiel und nicht bei 30 Grad in der Metro.

Wer in diesen Tagen in den ukrainischen Spielorten unterwegs ist, trifft beides an: Enthusiasmus und ein Maß an Desinteresse, das ernüchtert. „Dass wir das erste Spiel gewonnen haben, ist einfach traumhaft“, sagt die Ökonomie-Studentin Natalia. Dass die Ukraine bestehen kann gegen Teams wie Frankreich und England, glaubt sie immer noch nicht. Die Kiewerin hat sich wie viele andere Tausend als freiwillige Helferin gemeldet. „Es ist anstrengend, aber macht enorm Spaß. Die EM ist für die Ukraine etwas ganz Besonderes.“ Eines aber irritiert sie: „Viele Landsleute da draußen ignorieren das Ereignis. Sie freuen sich nicht mit.“ Ob es an den Härten des Alltags liegt? Das sei keine ausreichende Erklärung, sagt sie.

Kommentare zu " EM in der Ukraine: Blau-gelbes Glück und die Sorge vor dem Staatskater"

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  • Ich lebe seit einigen Jahren aus beruflichen Gründen in Russland und in der Ukraine.

    Dieser Artikel ist ein wenig einseitig eingefärbt und entspricht nicht meiner Wahrnehmung.

    Fangen wir einmal mit der Oligarchen-Kritik an. Gibt es die nicht in jedem Staat der Welt zur Gründerzeit. Sind Krupp, Thyssen, BASF, VW und Porsche usw. nicht durch die Nähe zur Regierung geboren und groß geworden? Wer sollte denn sonst Milliardenunternehmen führen? Erna Dosenbrot etwa?

    Politiker und Bauunternehmen verdienen prächtig und auch die Korruption hat beim Stadionbau hochkonjunktur....Ist dies in Frankreich, Spanien Italien und auch Deutschland wirklich viel anders?

    Gleiches gilt für die Hotelpreise. Diese werden bei jedem besonderen Ereignis auch in Deutschland angehoben.

    "Einer sei von offizieller Stelle angesprochen worden die Preise zu erhöhen" ...Wer oder was ist die offizielle Stelle? Ein Straßenpolizist oder ein Minister? Möchte man hier im Artikel staatlichen Druck suggerieren, den ich in der Praxis noch nicht gesehen habe?

    Die Ukrainer trauen sich nicht, für Timoschenko auf die Strasse zu gehen?..... Weit gefehlt!
    Sie wird nur von wenigen geliebt, da sie die Menschen mit ihrer orangenen Revolution missbraucht, belogen und betrogen hat. Minister der Regierung Timoschenko wurden per Interpol gesucht, weil sie dem ukrainischen Staat Schaden zugefügt haben. Die Regierung Timoschenko hat von Russland Gas gestohlen, wie ein schwedisches Gericht befunden hat. usw.

    Sich einseitig in die Angelegenheiten der Ukraine einzumischen und solche Artikel zu schreiben ist nicht in Ordnung.

    Sicherlich sollte man alle Probleme ansprechen und auch anklagen, dann aber bitte ausgewogen.

    Zu Guter Letzt sollten wir uns selbst den Spiegel vorhalten. Wie lang und schwierig war denn der Weg von einem vergangenen politischen System bis zum Deutschland von heute? Die Ukraine ist erst seit 1996 frei.

    Praktische Hilfe vor Ort ist die richtige Antwort

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