Gruppe C im EM-Check
Wer folgt Spanien ins Viertelfinale?

Dass Spanien die Vorrunde übersteht, bezweifelt kaum jemand. Doch wer folgt der „Selección“ in die K.o.-Runde? Italien steckt im Umbruch. Kroatien hofft auf einen Star. Der ist bei den Iren das Team. Der Gruppencheck.
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DüsseldorfItalien: Neustart mit Hindernissen

Man könnte meinen, der Gewinn der des vierten WM-Titels 2006 in Deutschland hätte auf die italienische Mannschaft wie eine große Last gewirkt. Offenbar zu groß für einige, denn was auf den großen Triumph folgte war ein stetiger Niedergang, der im Vorrunden-Aus bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika gipfelte. Nicht einen einzigen Sieg brachten die Mannen von Marcello Lippi damals mit nach Hause, legendär das peinliche 1:1 gegen Fußball-Zwerg Neuseeland. Schon zwei Jahre zuvor bei der EM in Österreich und der Schweiz lief es für die „Squadra Azzurra“ alles andere als rund. Im Viertelfinale unterlag sie dem späteren Europameister Spanien und musste frühzeitig die Heimreise antreten.

Die Gründe für das Debakel von Südafrika waren schnell ausgemacht: die Mannschaft zu alt, zu wenig talentierter Nachwuchs in Sicht, unmodernes System. Weltmeister-Trainer Marcello Lippi übernahm die Verantwortung und trat zurück, den dringend benötigten Umbruch sollte Nachfolger Cesare Prandelli in die Hand nehmen. Der fiel zum Teil ziemlich radikal aus, zahlreiche Weltmeister von 2006 wurden aussortiert und sollten den Platz bereiten für junge Talente und Spieler wie Antonio Cassano, die unter Lippi keine Berücksichtigung mehr fanden. Insgesamt 27 Profis kamen in der Ära Prandelli bislang zu ihrem Nationalmannschaftsdebüt.

Das zeigt, wie sehr der 54-Jährige auf die Jugend setzt, doch offenbart sich hier zugleich der größte Schwachpunkt des italienischen Fußballs. Stammte noch bis vor einigen Jahren fast jeder vierte Kicker in den Startformationen der Serie-A-Teams aus dem eigenen Nachwuchs, fiel der Anteil zuletzt auf nur noch acht Prozent – ein Problem, was auch Prandelli nicht müde wird, anzusprechen. Doch der Trainer scheint die richtige Mischung gefunden zu haben und das schneller als erwartet. Die Qualifikation sicherte sich Italien ohne eine einzige Niederlage. Dabei bot das Team zum Teil sehr ansehnlichen Offensiv-Fußball, den man von italienischen Mannschaften eher nicht gewohnt ist. Hier ist klar die Handschrift des Trainers zu erkennen, der auch schon bei seinen Stationen als Vereinstrainer oft attraktiven Fußball spielen ließ.

Der „Squadra Azzurra“ verpasste Prandelli nun ein modernes 4-3-1-2-System, bei dem ursprünglich die erfahrene Juve-Achse aus Weltklasse-Keeper Gianluigi Buffon, dem Innenverteidiger-Duo Andrea Barzagli und Giorgio Chiellini sowie Mitttelfeld-Regisseur Andrea Pirlo das Korsett bilden sollten. Dieses Quartett hatte in der abgelaufenen Saison Juventus Turin ohne eine einzige Niederlage wieder zum Meistertitel geführt. Der kurzfristige Ausfall von Barzagli, der aufgrund einer Wadenverletzung mindestens die Vorrunde verpassen wird, stellt den Trainer jedoch zunehmend vor Defensiv-Probleme. Auch Abwehrchef Chiellini ist nach seiner Aduktorenzerrung aus dem letzten Saisonspiel noch immer angeschlagen. Zuvor flog schon Domenico Criscito wegen des jüngsten italienischen Wettskandals aus dem Kader.

Doch auch offensiv plagen Prandelli Sorgen. Zwar wurde Antonio Cassano nach seiner Herz-OP wieder rechtzeitig fit, doch fehlt in dem Langzeitverletzten Giuseppe Rossi der Top-Stürmer. Mario Balotelli, dem der Coach mit seiner überraschenden Nominierung wohl noch eine letzte Chance gab, hat zweifelsfrei die Anlagen zum besten Angreifer des Turniers, ist aber aufgrund seiner Unbeherrschtheiten immer wieder für eine Rote Karte gut. Die Offensive – eigentlich das Prunkstück der „Azzurri“ - geriet zuletzt außerdem immer mehr ins Stocken.

Die letzten drei Testspiele vor der EM gingen allesamt verloren. Dabei erzielte die Prandelli-Elf nicht einen Treffer, ließ gleichzeitig aber fünf Tore zu. In der Qualifikation hatte sich die Abwehr dagegen noch mit nur zwei Gegentoren zur besten Defensivreihe in der Vorausscheidung gemausert. Diese jüngste Schwächephase, das Verletzungspech sowie die Razzia im italienischen Team-Hotel wegen des Wettskandals erinnern ein wenig an die Situation kurz vor der WM 2006. Zudem genießt das Team den Vorteil, dass zuhause eigentlich niemand den Titel erwartet, während man selbst um Wiedergutmachung für das Turnier bemüht ist. Ob sich die Geschichte hier allerdings wiederholt, bleibt abzuwarten.

Fazit: Die Mannschaft von Cesare Prandelli hat mit Sicherheit das Zeug, für eine Überraschung zu sorgen und ihren zweiten EM-Titel einzufahren. Die Tendenz zeigte zuletzt allerdings deutlich nach unten. Zudem muss man sehen, wie Italien die Ausfälle in Sturm und Abwehr kompensiert. Dass der Wettskandal in den Köpfen der Spieler eine große Rolle spielt ist eher unwahrscheinlich. Gut möglich, dass die Mannschaft sogar eine Extra-Portion Motivation herauszieht.

Prognose: Die Vorrunde wird Italien überstehen. Zwar müssen die „Azzurri“ Gruppen-Primus Spanien den Vortritt lassen, doch mit Siegen gegen Kroatien und Irland wird das Viertelfinale perfekt gemacht. Im Viertelfinale warten allerdings mit den möglichen Gegnern Frankreich und England richtige schwere Brocken. Zu schwer für die „Squadra Azzurra“. Nach dem Viertelfinale ist Schluss.

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