Taktik-Analyse zur EM
Das DFB-Team und das perfekte System

Daniel Memmert ist Professor an der Sporthochschule Köln, wo DFB-Gegner Portugal taktisch analysiert wurde. Im Gespräch erklärt er die Stärken des deutschen Spiels, wie Spanien zu packen ist - und das perfekte System.
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Köln/DüsseldorfHandelsblatt: Herr Dr. Memmert, wer ist für Sie EM-Favorit, wenn man nur die taktische Stärke der Teams betrachtet?
Memmert: Ich würde da die spanische Mannschaft sehen, die den erfolgreichen Stil der letzten WM beibehalten hat. Das heißt zum Beispiel mit viel Ballbesitz, was zwei Vorteile hat: Zum einen kann der Gegner dann kein Tor machen, zum anderen ist das auch eine psychologische Machtdemonstration. Der Gegner läuft und jagt während man selbst den Ball kontrolliert. Bei gegnerischem Ballbesitz wird dann sehr schnell attackiert und umgeschaltet.

Wo steht Deutschland?
Wenn ich lese, was Jogi Löw in den Trainingseinheiten gemacht hat, könnte es ein sehr modernes und offensives Spiel werden, worüber ich mich auch freuen würde. Und anhand der Ideen, die da verwirklicht werden, würde ich sagen, dass Löw taktisch sehr weit vorne ist, zum Beispiel das frühe Pressen, um Kontersituationen in der gegnerischen Hälfte zu bekommen.

Mal ganz einfach gefragt: Wie schlägt man eigentlich Spanien?
Eine Variante ist die Mauer-Methode von Chelsea gegen Barcelona im Halbfinale der Champions League. Ich würde aber nicht auf diese Variante setzen wollen. Man weiß inzwischen, dass nur sehr wenige Faktoren im Fußball einen positiven Spielausgang in seiner Wahrscheinlichkeit beeinflussen. Ballbesitz oder gewonnene Zweikämpfe sind das nicht, der einzige Wert ist tatsächlich die Anzahl der Torschüsse – und da hatte Barcelona in beiden Spielen wesentlich mehr. Der Sieg von Chelsea war wirklich Glück.

Was wäre eine andere Variante?
Da muss man sehr tief in die Analyse einsteigen, es spielen viele Kriterien eine Rolle. Und alle würde ich auch nie in einem Interview verraten. Generell muss man eine klare Entscheidung treffen, ob man das Spiel der Spanier unterbinden und ihnen durch starkes Vorchecking und Offensivpressing die Lust am Spiel nehmen möchte. Das wäre die psychologische Variante. Da die Spanier im Mittelfeld aber sehr beweglich sind, ist ansonsten die einzige Chance, dort zu sein, wo der Spieler in einer Zehntel-Sekunde sein wird. Nicht beim Mann, sondern quasi als Antizipation, wo der Ball hingespielt wird. Das ist aber überhaupt nicht einfach.

Glauben Sie generell, dass eins der Teams bei der EM taktisch wirklich noch überraschen kann oder kennt man sich gegenseitig einfach schon zu gut?
Bei uns an der Sporthochschule Köln wurde zum Beispiel von Professor Buschmann, Stephan Nopp und 16 Studenten Portugal analysiert. Das heißt, dass wir Deutschen die Mannschaften schon sehr gut kennen, wie sie spielen, wie sie ticken. Da wird sehr viel Wert drauf gelegt, was ich wichtig finde. Ich hoffe, dass es die anderen Mannschaften nicht ganz so gut machen wie wir. Es ist aber leider davon auszugehen, dass die auch nicht schlampen werden.

Kommentare zu " Taktik-Analyse zur EM: Das DFB-Team und das perfekte System"

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  • "Sporthochschule Köln".
    Sowas gibt es ???

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