Teamcheck „Todesgruppe“ B
Deutschlands EM-Weg wird kein leichter sein

Niederlande, Portugal, Dänemark - viel schwerer hätten die EM-Gruppengegner des DFB-Teams nicht ausfallen können. Mit dem Gruppensieg dürfte es da schwer werden - den Titel holt Deutschland trotzdem. Der Teamcheck.
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DüsseldorfNiederlande: Und täglich grüßt die Favoritenrolle

Die Geschichte des niederländischen Fußballs ist schon ein wenig tragisch. Seit 1988 fuhr man bekanntlich nur 2002 ohne Holland zur WM, sonst war die „Elftal“ bei jeder Endrunde eines Großturniers dabei. Und seit fast 40 Jahren zählen die Niederländer beständig zum Favoritenkreis, egal ob Euro oder Weltmeisterschaft. Aber nur 1988 sprang auch tatsächlich ein Titel dabei heraus: Bei der EM in Deutschland krönten sich die Niederländer um Marco van Basten und Ruud Gullit zu den Königen Europas.

Allerdings haftet dem Team das Stigma des ewigen Zweiten an. 1974, 1978 und 2010 wurde die Mannschaft Vizeweltmeister. Bei EMs lief es nur einmal gut. Der Hintergrund scheint simpel: Die Nationalmannschaften der Niederländer sind seit den 1970er-Jahren praktisch durchweg für ihren attraktiven Offensivfußball bekannt, dort sind auch die holländischen Weltstars beheimatet – nach wie vor. Eine Sportweisheit besagt: „Die Offensive gewinnt Spiele, die Defensive Meisterschaften“. Eine Phrase, die zuletzt noch Chelsea London in der Champions League untermauert hat. Und die ist bei den Niederländern, im Vergleich zu den anderen Top-Teams, eher die Schwachstelle.

Während Bondscoach Bert van Marwijk es sich vorne erlauben kann, sogar Bundesliga-Torschützenkönig Klaas-Jan Huntelaar und Rafael van der Vaart auf der Bank schmoren zu lassen, stürzt der drohende Ausfall von Routinier Joris Mathijsen in der Innenverteidigung den Coach in nervös Unruhe.  Khalid Boulahrouz läuft der Form alter Tage hinterher, Wilfried Bouma wird nicht jünger. Johnny Heitinga und Gregory van der Wiel sind solide, aber nicht herausragend. Keeper Maarten Stekelenburg hält überdurchschnittlich, ist aber nicht auf dem Niveau eines Edwin van der Sar – oder eines Manuel Neuer. Die Nahtstelle zwischen Defensive und Angriff bilden Nigel de Jong und Mark van Bommel. Letzterer bringt reichlich Erfahrung, aber kaum noch körperliche Frische mit. Das Duo beschränkt sich in der Regel auf Balleroberung und -halten, setzt kaum kreative Impulse.

Hier kommt das Prunkstück um Wesley Sneijder und Arjen Robben zum Einsatz. Von derlei Optionen kann jeder andere Coach nur träumen. Arbeitstier Dirk Kuyt  und Vollstrecker Robin van Persie komplettieren die derzeit unumstritten gefährlichste Angriffsreihe der Welt. Alles in allem hat die „Elftal“ den Vorteil, dass der Nukleus seit der Vizeweltmeisterschaft 2010 überwiegend unverändert geblieben ist. Eingespieltheit kann auf diesem hohen Niveau den entscheidenden Unterschied machen.  Aber: Es fehlen, wie bei Spanien oder Deutschland, die Vereinsblöcke, also Spieler, die sich durch die gemeinsame Saison absolut blind verstehen. Und greifen die Räder nicht ineinander, wird es für das Team schwer, Tore zu erzwingen.

Testspiele in der letzten Phase der Vorbereitung sind selten Muster mit Wert, daher sind weder die 1:2-Niederlage gegen Bulgarien, noch der 2:0-Sieg gegen die Slowakei , noch das 6:0 gegen Nordirland zu hoch zu bewerten. Die Qualifikation wurde souverän als Gruppensieger beendet, lediglich das letzte Spiel gegen Schweden, in dem es für die Niederlande um nichts mehr ging, wurde verloren. Und gegen die Underdogs aus Ungarn, Finnland und Moldawien zeigte sich ein umgekehrtes Bild: Ohne den Gegner zu überrennen, wurden die Spiele knapp und kontrolliert gewonnen. Kann van Marwijk diesen Paradigmenwechsel, wie schon 2010, auf Turnierlänge konservieren, ist die Nummer zwei der Weltrangliste klar einer der Top-Favoriten auf den Titel.

Fazit: Kommt die niederländische Maschine ins Rollen, ist sie schwer zu stoppen. Die Angriffswellen, die aufs gegnerische Tor schwemmen, suchen ihresgleichen. Der Fokus liegt auf dem Abschluss, nicht auf der Ballkontrolle, worunter jedoch die Effizienz leidet. Während die Spanier die Gegner den Ball meist nur aus der Ferne sehen lassen, können konterstarke Teams die betagte und mitunter schlicht langsame Abwehr wirklich in die Bredouille bringen.

Prognose: In der Gruppe sind die Niederländer der Maßstab. Von der DFB-Elf werden sie sich nicht noch einmal wie im Test Ende 2011 am Nasenring durch die Manege führen lassen. Portugal und Dänemark haben „Oranje“ nichts entgegenzusetzen – die Niederlande holen den Gruppensieg. Punktgleich mit dem Zweiten. Übrigens: Vor der EM 1988 verloren die Niederlande den Test gegen Bulgarien mit 1:2…

Kommentare zu " Teamcheck „Todesgruppe“ B: Deutschlands EM-Weg wird kein leichter sein"

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  • Das ist das Schöne am Sport, er ist unberechenbar.
    Wenn es ganz dumm läuft, verliert Deutschland alle 3 Spiele.
    Auch das ist möglich, denn die Gegner sind alle brandgefährlich. Gegen Portugal und die Niederlande kann man durchaus verlieren und die Dänen sind immer für eine Überraschung gut.
    Ich erinnere an's EM-Endspiel 1992 in Göteborg, wo die Dänen uns auch mit 2:0 besiegt und den Europameistertitel gewonnen haben.
    Damals waren wir auch der haushohe Favorit und hatten im Endspiel keine Chance.

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