Die Schiris der Fußball-EM
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Bei der Europameisterschaft überzeugen die Schiedsrichter bislang auf ganzer Linie. Sie sind da, wenn es sein muss und halten sich zurück, wenn sie können. Ihr ehrgeiziger Chef hat ganze Arbeit geleistet.

DüsseldorfPierluigi Collina ist ein Perfektionist. Für gewöhnlich verteilt er nur sehr sparsam lobende Worte. Seine Schützlinge sollen demütig an sich arbeiten und in der Öffentlichkeit ausschließlich durch Leistung auffallen. Es sind seine eigenen Werte, die der ehrgeizige, ehemalige Weltklasse-Schiedsrichter jungen Referees auf den Weg gibt. Der 56-Jährige mit der markanten Mimik glänzte schon zu seiner aktiven Zeit lieber mit Taten statt Worten. Überhaupt ist er ja nur wegen der Altersbegrenzung nicht mehr aktiv.

Heute ist Collina Chef der Schiedsrichter-Kommission der Uefa. Er ist hauptverantwortlich für die Performance der 18 Schiedsrichter bei der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich. Er ist ihr Blitzableiter, Förderer, Motivator, zugleich allerdings auch der größte Kritiker. Und wenn er öffentlich die Arbeit der Schiedsrichter im laufenden Turnier lobt, dann kann man sicher sein: Die Referees zeigen bislang überzeugende Leistungen.

Nicht selten war bei großen internationalen Turnieren über die Leistungen der Schiedsrichter diskutiert worden. Oft zu Recht. Die Schiedsrichter auf dem Rasen wirkten teils eher unsicher als souverän. Klare Fouls blieben ungeahndet, zweifelhafte Tore wurden anerkannt, andersrum blieben fair erzielte Treffer zu Unrecht verwehrt. Die Torproblematik hat sich mit Einführung der elektronischen Systeme erledigt, bleibt die Bewertung von Spielszenen. In diesem Jahr hat man den Eindruck: Nicht nur die kleinen Fußballnationen haben einen großen Schritt nach vorne gemacht; die Schiris auch. Das wird im Laufe des Turniers zusehends deutlicher.

Es zählt nicht nur die richtige Tatsachenentscheidung in einzelnen Spielsituationen. Ein Nationalspieler sollte den Ball aus elf Metern ins Tor schießen können. Ähnlich kann man von einem Schiedsrichter auf solch Top-Niveau verlangen, dass der Großteil seiner gefällten Entscheidungen richtig oder, wie es inzwischen so schön heißt, „vertretbar“ ist.

Heute gehört weit mehr dazu – auch für die Schiedsrichter gibt es nicht mehr nur schwarz oder weiß. In der überragenden Mehrheit aller Spiele agieren sie angenehm zurückhaltend. Ein guter Schiedsrichter drängt sich unnötig nicht in den Vordergrund, heißt es oft. Ihre Zweikampfbewertung ist in vielen Begegnungen tadellos, das Spiel haben sie immer unter Kontrolle. Besonders überzeugend wirken sie durch ihre Körpersprache und Fitness. Auch das war in der Vergangenheit mal anders. Turnierdirektor Martin Kallen sagte nach Abschluss der Vorrunde gegenüber Journalisten: „Wenn Sie nicht darüber schreiben und wir nicht darüber sprechen, ist es das Beste, was passieren kann.“ Doch die Schiris haben es nach der berechtigten Kritik in der Vergangenheit auch mal verdient, dass man positiv über sie urteilt.

Der Engländer Mark Clattenburg etwa bewies bei seinen bisherigen Auftritten eindrucksvoll, wie man auch in hitzigen Spielen durch Ruhe und Souveränität glänzt. Belgien gegen Italien (0:2), Tschechien gegen Kroatien (2:2), Schweiz gegen Polen (4:5 im Elfmeterschießen) – alle Partien waren anspruchsvoll, lange spannend und jederzeit umkämpft. Für Clattenburg gab es im Anschluss nur Lob. Der Leiter des diesjährigen Champions-League-Endspiels wirkt erneut finalreif.

Sicher gibt es auch bei dieser EM Ausnahmen. Der in den vergangenen Monaten stark agierende Cüneyt Cakir aus der Türkei erwischte im Achtelfinale zwischen Italien und Spanien nicht seinen besten Tag, hätte zum Beispiel zweimal die rote Karte zeigen können und sollen. Aber für Schiedsrichter zählt in der Endabrechnung das Gesamtpaket.

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