Eindrücke vom EM-Reporter
Die Kleinen sind die wahren Riesen

Warum wird die Aufstockung der EM so angegriffen? Die „kleinen“ Teams machen das Turnier richtig spannend – auf und neben dem Platz. Für den Fußball ist das eine Bereicherung. Das hat rationale wie emotionale Gründe.

ParisEins vorab: Die Isländer sind nicht klein. Das Team von der Nordinsel misst im Schnitt 1,85 Meter und ist damit gemeinsam mit, unter anderen, den Deutschen die längste Mannschaft der EM. Spätestens mit dem 2:1 gegen Österreich und der sensationellen Qualifikation für das Achtelfinale sind die Isländer auch zu sprichwörtlichen Riesen geworden.

Fußballerisch sind die Isländer eine richtig kleine Nummer. Grundsätzlich. Denn die erfolgreiche Qualifikation für die Euro in Frankreich hat sie bis auf Rang 34 der Fifa-Weltrangliste gespült. Indirekt bewahrheitet sich bei dem Turnier eine mehr als zehn Jahre alte und oftmals belächelte These: Es gibt keine Kleinen mehr.

Island befindet sich in bester Außenseitergesellschaft. Ungarn, Albanien, Nordirland, Wales – vier Teams haben sich ins Rampenlicht gespielt, die man vorher niemand so recht auf dem Zettel hatte. Das zeigt einerseits, dass kleinere Nationen schlichtweg bei der systematischen Fußballförderung aufholen.

Island ist wieder das beste Beispiel: Der Erfolg kam, als man begann, in den langen Winternächten die Jugend in Fußballhallen zu lenken. Ein logischer Schritt, sind die Isländer, auch wegen ihrer physischen Stärke, seit jeher gut in Handball und Basketball. Aus den ersten Jahrgängen entwickelte sich direkt eine vielversprechende U21-Mannschaft, aus der sich jetzt das A-Team (…) speist.

Es zeigt aber auch, dass sich die Art und Weise des Fußballs verändert hat. Die Zeiten, in denen Meisterschaften trotz Kettenrauchen und Rotweinpartys gewonnen wurden, sind schon lange vorbei. Nicht, dass es der Profi von Welt nicht auch mal krachen lässt. Aber der Fußball wird Jahr um Jahr laufintensiver, die zurückgelegten und gesprinteten Wege länger. Die Trainingspläne der Profis sind vom Lauf vor dem Frühstück bis zum Zahnarzttermin durchkonzipiert und individualisiert.

Worauf das hinausläuft? Fußball ist in der Spitze so athletisch geworden, dass die Räume auf dem gleichen Feld viel enger geworden sind. Lücken schließen sich schneller, es muss viel flotter und im Team gespielt werden. Gleichzeitig können Teams ohne Spieler auf Weltklasseniveau durch das Zustellen dieser Räume und geschicktes Verteidigen bis zu einem gewissen Grad mithalten.

Ach, da regt sich ein Cristiano Ronaldo auf (wie gegen Island), dass es nur darum ginge, das Spiel zu zerstören. Diese schon naive Argumentation lässt eigentlich nur den Schluss zu, dass der Außenseiter den „Großen“ doch bitte nicht auf den Füßen herumstehen möge. Hach, herrlich, diese Schützenfeste bei Turnieren, Deutschland mit 4:0 gegen Portugal gewinnt, oder?

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